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14.3.1960: Erster deutsch-israelischer Gipfel
Der Termin: 14. März 1960, 10 Uhr vormittags. Der Ort: das renommierte Luxushotel "Waldorf Astoria" im New Yorker Stadtteil Manhattan. Ein kleiner gedrungener Mann mit wehendem weißem Haar wollte von seinem Zimmer in die zwei Stockwerke tiefer liegende Präsidenten-Suite gelangen, wo man ihn erwartete. Der 73-Jährige nahm aber nicht den Fahrstuhl, sondern die Feuertreppe, um den überall herumlungernden Journalisten zu entgehen.

Diese hatten längst erkannt, dass hier Geschichte gemacht werden würde und dass es kein Zufall war, dass zwei bisher nie zusammen gesehene Flaggen die Front des "Waldorf" schmückten: die deutsche und die israelische Flagge. Zu Gast im Hotel waren gleichzeitig der damals bereits 84-jährige deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer und eben der Mann auf der Feuertreppe: Israels Ministerpräsident David Ben Gurion.

Das erste Treffen der Regierungschefs beider Staaten hätte eigentlich ein Geheimtreffen werden sollen. Aber in New York waren solche Dinge wohl nicht geheim zu halten. Erst recht nicht, wenn, wie damals, die Beziehungen zwischen beiden Staaten so speziell und eigenartig waren.

Wiedergutmachungsabkommen

Nur 15 Jahre waren vergangen seit dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur und der systematischen Judenvernichtung. Der Staat Israel war gerade erst zwölf Jahre alt. Erst sieben Jahre waren vergangen seit dem sogenannten Luxemburger Abkommen, in dem die Bundesrepublik Deutschland sich verpflichtet hatte, Israel als Staat stellvertretend für die Umgekommenen sowie jüdischen Überlebenden individuell "Wiedergutmachungszahlungen" zu leisten für das erlittene Unrecht.

Für Konrad Adenauer waren das Luxemburger Abkommen und die Verbesserung der Beziehungen zum jüdischen Volk eine sehr wichtige Angelegenheit, wie er immer wieder betonte: "Als ich meine Arbeit begann, da waren zwei Fragen mir vollkommen klar: Einmal - wir mussten das Verhältnis zu Frankreich in Ordnung bringen und mussten aus den alten Feindschaften heraus zu einer Freundschaft kommen. Und die zweite Frage war folgende: Wir mussten das Unrecht, das den Juden angetan worden ist von den Nationalsozialisten soweit gut machen, wie das irgend möglich war. Das waren nach meiner Meinung - ich wiederhole - eigentlich vom ersten Tage an die beiden entscheidenden Punkte, ob wir wieder aufgenommen werden würden in den Kreis der anderen Völker oder nicht".

In Israel hatte es um das Wiedergutmachungsabkommen einigen politischen Streit gegeben, bei dem besonders der viel später zum Ministerpräsident avancierte Menachem Begin die Front derer anführte, die darauf bestanden, Israel dürfe von Deutschland kein Geld oder andere Hilfe akzeptieren und auch nie Beziehungen zu Deutschland aufnehmen. Ben Gurion aber war Pragmatiker geblieben und hatte darauf bestanden, dass der junge Staat jede Art der Hilfe brauche und dass solche Hilfe auch aus Deutschland willkommen sei.

Diplomatische Beziehungen

Mit den diplomatischen Beziehungen aber taten sich Deutschland und Israel nicht so leicht. Konrad Adenauer hatte sich zwar bereits 1953 zuversichtlich geäußert, dass der Abschluss des Wiedergutmachungsabkommens nun sicher auch die baldige Aufnahme diplomatischer Beziehungen nach sich ziehen werde, aber in Israel war die Zeit hierfür noch nicht reif. Die Gegner des Luxemburger Abkommens grollten immer noch, und sie hätten den Antritt eines deutschen Botschafters in Jerusalem nie akzeptiert.

Ben Gurion aber arbeitete zielstrebig in diese Richtung. Er hatte längst erkannt, dass Deutschland ein wichtiger Staat im neuen Europa werden würde, und er hielt es deswegen für richtig, dass Jerusalem Beziehungen zu Bonn aufnähme. In Bonn aber zögerte man inzwischen: Es war wohl in erster Linie die Furcht, sich mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel eine Verschlechterung der Beziehungen zu den arabischen Staaten einzuhandeln, vielleicht sogar deren Entschluss, als Rache die DDR anzuerkennen. Und Bonn stand auch unter dem Eindruck der (eigenen) Hallstein-Doktrin, nach der es seine Beziehungen zu den Staaten abzubrechen drohte, die die DDR anerkannten.

Erst langsam und mühsam kamen Israelis und Deutsche einander näher. Sehr nützlich war dabei die Überzeugung Ben Gurions, dass es inzwischen ein "neues Deutschland" gebe, auch, dass er Adenauer für einen ehrlichen und aufrechten Mann hielt. Nützlich war sicher auch, dass die beiden eigentlich so unterschiedlichen Männer sich in manchem doch auch wieder sehr ähnlich waren. Zum Beispiel, dass sie mit staatsmännischem Gespür taten, was für ihre jeweiligen Länder richtig und wichtig war, dass sie aber gleichzeitig auch die Weichen stellten für eine historische Entwicklung ungeahnter Dimension: Der erneuten Annäherung zwischen Juden und Deutschen.

Ein wichtiger Schritt

Vom historischen Treffen im "Waldorf Astoria" bis zum Austausch von Botschaftern sollten noch fünf Jahre vergehen, aber hier wurde ein wichtiger Schritt gemacht. Adenauer sagte später darüber: "Ben Gurion hat mich mit einer wahren Herzlichkeit dort begrüßt. Wir hatten ein langes Gespräch miteinander und ein gutes Gespräch. Und ich glaube, dass dieses Zusammentreffen zwischen Ben Gurion und mir viel dazu beigetragen hat, in der Welt auch die Überzeugung hervorzurufen, dass wir tatsächlich eine Versöhnung einleiteten."



Autor: Peter Philipp
   
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