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2.3.1921: Aufstand von Kronstadt
Kronstadt im Herbst 1917, die Matrosen der Hafenstadt meutern. Die baltische Flotte blockiert die Mündung der Newa. Der Kronstädter Kreuzer Aurora gibt das Signal zum Auftakt der Russischen Oktober-Revolution.

Petersdorf: "Die Kronstädter Matrosen sind die Vorkämpfer, Mitkämpfer der Revolution 1917 gewesen, sind also pro bolschewistisch gewesen. In der Mischung natürlich auch mit einem ganz starken anarchischen Element. Es gibt diesen berühmten Ausdruck von Trotzki, dass die Kronstädter Matrosen die Blüte und der Stolz der Revolution gewesen sind."

Die Berliner Historikerin Jutta Petersdorf hat sich intensiv mit Russischer Geschichte beschäftigt. Sie erzählt, dass Trotzki nicht lange von den Kronstädtern begeistert war, denn seine Lieblingsrevolutionäre wenden sich bald gegen ihn.

Auch nach dem Sturz des Zaren hungert das Volk. Lenin kürzt im Januar 1921 die Brotration um ein Drittel. Brennstoffe gibt es in dem Winter fast keine mehr. Wer öffentlich protestiert, wird verhaftet. Das Leben im Kommunismus unterscheidet sich kaum vom Leben im Zarenreich. Im März erscheint in der Kronstädter Zeitung Iswestija ein Artikel:

"Das ruhmreiche Wappen des Staates der Werktätigen - Hammer und Sichel - hat die kommunistische Macht durch Bajonett und Gefängnisgitter ersetzt, um der neuen Bürokratie, den kommunistischen Kommissaren und Beamten, ein ruhiges, sorgenfreies Leben zu erhalten."

Anlass des Artikels sind Aufstände im benachbarten Petrograd, dem heutigen Sankt Petersburg. Dort streiken seit Wochen die Arbeiter mehrer Fabriken. Die Kommunistische Partei verhängt das Standrecht, Arbeitsniederlegungen werden mit dem Tode bestraft. Daraufhin treffen sich am 2. März 1921 dreihundert Delegierte verschiedener Kronstädter Schiffe und Werften. Sie wählen ein Provisorisches Revolutionäres Komitee.

Petersdorf: "Weil sie sich als Verteidiger der Revolution verstanden., weil sie in ihren Forderungen jetzt zurück zum wirklichen Inhalt der Sowjets drängten. Ihnen ging es darum, Sowjets in ihrer urdemokratischen Form wieder an die Stelle der nun inzwischen schon Parteiherrschaft zu stellen."

Doch Lenin und Trotzki sehen in den Aufständischen nur Anhänger der Konterrevolution:

Petersdorf: "Am 5. März richtet Trotzki seinen Appell an die Kronstädter Matrosen ihren Protest einzustellen und die Gegenposition zur Sowjetmacht nicht mehr Aufrecht zu erhalten, sonst würde man mit härteren Mitteln gegen sie vorgehen und man würde sie wie Hasen erschießen."

Die Matrosen von Kronstadt bleiben bei ihren Forderungen. Zwei Tage später beginnt der Angriff der Sowjetarmee auf Kronstadt. Doch die Festung kann sich gut verteidigen. Voller Zuversicht senden die Kronstädter zum Internationalen Frauentag eine Radiobotschaft:

"Das befreite Kronstadt an die Arbeiterinnen der Welt. (Wir stehen inmitten des Kanonendonners, inmitten explodierender Granaten, welche die Feinde des Werktätigen Volkes, die Kommunisten, gegen uns schleudern. Trotzdem senden wir Kronstädter euch Arbeiterinnen der ganzen Welt unseren brüderlichen Gruß.) Wir grüßen euch aus dem aufständischen roten Kronstadt, aus dem Reich der Freiheit. Mögen unsere Feinde versuchen, uns zu vernichten. Wir sind stark. Wir sind unbesiegbar."

Unbesiegbar blieben sie nur zehn Tage. Mit Unterstützung von Freiwilligen des gerade tagenden zehnten Parteitags der Kommunisten in Moskau gelingt den Truppen am 18. März die Eroberung der Festung Kronstadt.

Petersdorf: "Es wurde ein großer Teil der Aufständischen erschossen. Und das Gros natürlich hat man nicht erschossen, sondern man hat sie inhaftiert. Und dann ging die Debatte darüber wohin mit ihnen. Und da gibt es dann diese zynischen Bemerkungen je weiter und je abgeschiedener desto besser. So dass viele von ihnen dann ihren Weg nach den berüchtigten Solofki-Inseln im Weißen Meer antreten mussten -man kann auch sagen eine der Ursprünge des Gulag, die Solofki-Inseln."

8000 Kronstädtern gelingt die Flucht über das Eis der Ostsee nach Finnland. Die linke Revolution im kommunistisch regierten Russland war gescheitert.

Autor: Ralf Geißler
   
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