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15.4.1989: IG Medien entsteht
Auf dem Stuttgarter Schriftstellerkongress im November 1970 hatte der Romancier Martin Walser emphatisch die Gründung einer "Industriegewerkschaft Kultur" gefordert. Nicht ohne Grund, denn damals herrschte unter den Intellektuellen der Medienindustrie eine geradezu euphorische Aufbruchstimmung: Fast jeder hatte die Vision von einer großen , einheitlichen gewerkschaftlichen Gegenmacht von "Hand- und Kopfarbeitern" gegen die Macht der Medienmultis und Intendantenfürsten'.

Zwei Jahre später, 1972, wurde die Gründung einer Mediengewerkschaft auf dem neunten außerordentlichen DGB-Bundeskongress zur offiziellen Gewerkschaftspolitik erhoben. Den Grundstock sollten die Industriegewerkschaft Druck und Papier und die in der Gewerkschaft Kunst zusammengefassten Künstlerverbände bilden. Hinzu kommen sollten außerhalb des DGB stehende Berufsverbände, der Deutsche Journalistenverband DJV und der Schriftstellerverband VS.

Doch ging damit wirklich der große Traum einer gemeinsamen Interessenvertretung von Druckern, Journalisten und Schriftstellern, Mitarbeitern von Film, Funk und Fernsehen, Musikern, Schauspielern und Verlagsangestellten in Erfüllung?

Skeptiker hatten im Laufe der sich jahrelang hinziehenden Verhandlungen immer wieder befürchtet, dass am Ende nur die Lokomotive ankommt, die Wagen aber auf der Strecke bleiben. Ganz so schlimm kam es zwar nicht. Dennoch, es war nicht der große Wurf. Was damals blieb, war nur die kleine Lösung mit einem Bandwurmnamen "IG Medien, Druck und Papier, Publizistik und Kunst". Immerhin elf Berufsgruppen mit 180.000 Mitgliedern umfasste die neue Organisation. Es war die erste Fusion in der Geschichte des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Einige Wagen des Zuges hatten sich allerdings im Laufe der schwierigen Verhandlungen abgekoppelt.

Der Deutsche Journalistenverband DJV, mit rund 16.000 Mitgliedern immerhin die größte Journalistenunion in Deutschland, stieg im Frühjahr 1984 aus. Dem waren heftige innere Auseinandersetzungen vorausgegangen. Zu groß waren die Unterschiede zwischen denen, die die Texte liefern und denen, die sie setzen und drucken.

Noch spektakulärer waren die Auseinandersetzungen im Schriftstellerverband VS. 1400 Schriftsteller waren bereits 1974 in die Industriegewerkschaft Druck und Papier eingetreten, fast alles was Rang und Namen hatte in der deutschsprachigen Literatur. Doch als die Gründung der IG Medien immer näher rückte, die Satzungsentwürfe immer konkreter wurden, da erschien vielen die angestrebte "Einigkeit der Einzelgänger" als Zwangseinheit und Entmündigung durch den Alleinvertretungsanspruch eines übermächtigen Vorstandes.

Im Herbst 1987 übernahmen die Bedenkenträger den VS-Vorstand und versuchten ihre organisationspolitischen Vorstellungen bei den Gründungsverhandlungen durchzusetzen. Das gelang auch in einer wichtigen Position: die Schriftsteller behielten das Recht, "jederzeit autonom über Aufrufe, Resolutionen und Veranstaltungen zu politisch und gesellschaftlich relevanten Themen Stellung zu beziehen". Einer Gruppe im VS-Vorstand um Anna Jonas und Günter Grass genügte dies nicht. Sie stieg aus und mit ihnen weitere 80 Mitglieder. Andere blieben, unter ihnen auch Martin Walser mit einer Dissidentenschelte:

"Der Weg zur Mediengewerkschaft ist schon ganz schön markiert mit Abspringern und Ausscherern und Abgeschreckten. Ich habe mich manchmal darüber gewundert, wie laut manche Schriftsteller aus dem Verband austreten und wie leise sie drin waren. Ich wüsste nicht, wie die Interessen derer, die im Kulturbetrieb (...) beschäftigt sind, wie die besser zu vertreten wären in einem Zeitalter, in dem die Macht hauptsächlich ausgeübt wird durch Beeinflussung. Sollten wir nicht für alle unmissverständlich mitteilen, das wir nicht an der Etablierung von Macht, sondern an der Erschaffung einer Gegenmacht interessiert sind!?"

Doch bevor sich diese Gegenmacht endgültig etablieren konnte, musste noch ein weiterer Stolperstein aus dem Weg geräumt werden: die heiß umstrittene Frage eines einheitlichen Gewerkschaftsbeitrags. Die 20.000 Mitglieder der RFFU - größter Teilbereich der Gewerkschaft Kunst - die bisher 0,8 Prozent ihres Bruttolohns an die Gewerkschaftskasse abführen, wollten sich nicht auf die Beitragshöhe der Drucker einlassen, und die lag bei immerhin 1,2 Prozent. Der Kompromiss war dann eine stufenweise Angleichung.

Und dann ging alles ziemlich schnell damals im April im Hamburger Kongress-Zentrum. Die Drupa brauchte für ihre Selbstauflösung nicht einmal eine halbe Stunde. Ein Stockwerk tiefer bei den Delegierten der Rundfunk-Fernsehfilm-Union ging's noch einmal hoch her. Ein letztes Mal wurden die alten Ängste beschworen, die Vorbehalte gegen den streng organisatorischen Rahmen der Satzung ebenso wie die Urangst, von der mächtigen IG Druck und Papier erdrückt zu werden. Indes, der Zug war nicht mehr aufzuhalten.

Am 15. April 1989 wurde die IG Medien aus der Taufe gehoben. Es war der erste Zusammenschluss von Einzelgewerkschaften innerhalb des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Doch die Entwicklung lief nun immer schneller. Fast auf den Tag zwölf Jahre später, im April 2001, kam dann schon das Aus. Die IG Medien fusionierte, diesmal mit vier weiteren Gewerkschaften, zur mitgliederstärksten Arbeitnehmerorganisation der Welt, der "Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di". Es war der größte Zusammenschluss in der Geschichte der deutschen Arbeitnehmerschaft, aber nicht der letzte.

Autor: Bernd Wegmeyer
   
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