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6.5.1936: Italien besetzt Addis Abeba
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Mussolini war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Vom Balkon des Palazzo Venezia verkündete er das Ende des Krieges gegen Abessinien, dem heutigen Äthiopien. Italienische Truppen waren siegreich in die Hauptstadt Addis Abeba einmarschiert und hatten sich das Land zu Eigen gemacht. Das war am 6. Mai 1936.

Die Faschisten in Italien empfanden das als die Erfüllung eines Traumes. Italien sei nun ein Imperium, geschaffen aus italienerischem Blut. Neben Somaliland und Eritrea nun auch Äthiopien. Nur, dass Italienisch-Ostafrika von kurzer Dauer sein würde, ahnte 1936 während des Siegestaumels niemand. Was in Rom überwog, war das Wissen um die Tilgung einer 40 Jahre zurückliegenden Schmach: Die Schlacht um Adua im Grenzgebiet zwischen Eritrea und Äthiopien im März 1895.

Ambition: Kolonialmacht

Die bis dahin größte militärische Auseinandersetzung in Afrika endete mit der größtmöglichen Demütigung einer Europäischen Großmacht. Die Schlacht von Adua kostete rund 8.000 italienischen Soldaten das Leben. Die Kampfkraft und das taktische Geschick der Truppen von Kaiser Menilek wurden im Dünkel des Großmachtgehabes der Italiener grandios unterschätzt.

Die Ambitionen Italiens, zu einer der führenden Kolonialmächte in Afrika aufzusteigen, wurden mit der Niederlage begraben. Mehr noch: Italien wurde gezwungen, Aufwandsentschädigungen zu zahlen; mehrere hundert italienische Gefangene wurden zum Bau der Hauptstadt Addis Abeba zwangsverpflichtet.

Erste Pläne

40 Jahre später - in Italien herrschten die Faschisten - war Adua nicht vergessen. Der rechtsgerichtete Schriftsteller Gabriele d'Annunzio schrieb in einem Brief an Mussolini: "Ich spüre noch die Narbe von Adua auf meiner Schulter."

Bereits Mitte der 1920er-Jahre, Mussolini hatte erst vor wenigen Jahren die Macht in Italien übernommen, wurden erste Pläne für einen Angriff auf Äthiopien geschmiedet. Aber erst 1935 kam es zu stillschweigenden Einverständnissen durch die Großmächte Großbritannien und Frankreich. In London und Paris wurde das Nachgeben unter anderem damit begründet, Mussolini nicht in die Arme Hitlers zu treiben.

Zwischen März und September 1935 wurden in der eritreischen Hafenstadt Massaua 177.000 Mann mit Waffen und Transportmitteln an Land gebracht. Den drohenden Konflikt ahnend, wandte sich Kaiser Haile Selassie in einer Radioansprache an sein Volk: "Wir wollen keinen Krieg, werden aber im Fall der Fälle unsere Hände nicht in den Schoß legen. Äthiopien vertraut auf Gott."

Krieg in Abessinien

Doch diese Drohungen prallten an Rom ab. In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1935 trat die italienische Armee in einem 70 Kilometer breiten Angriffsgürtel über den Grenzfluss Mareb. Die BBC berichtete an diesem Tag: "Nur wenige Minuten später traf in Genf beim Völkerbund ein Telegramm aus Abessinien ein. Daraus geht hervor, dass italienische Flugzeuge bereits Adue angriffen und die Kämpfe sich in Richtung Agamee ausweiteten."

Der Feldzug ging nur schleppend voran, vor allem die großen Distanzen erschwerten den Nachschub für das auf mittlerweile eine halbe Million Mann angewachsene Heer. Der Völkerbund verurteilte die Aggression Italiens und verhängte ein Waffenembargo sowie Kredit- und Rohstoffsperren. Abgesehen davon, dass die Repressionen wirkungslos blieben, wurde das Embargo wenige Monate später aufgehoben.

Der Krieg in Abessinien ist mit aller erdenklichen Grausamkeit geführt worden. Dazu zählte der Einsatz von Senfgas, ein klarer Verstoß gegen die Genfer Konvention, die 1925 von Italien unterzeichnet wurde.

Etwas über ein halbes Jahr sollte es dauern, bis die Italiener siegreich in Addis Abeba einmarschieren konnten. Kaiser Haile Selassie floh nach Großbritannien ins Exil. 4.000 italienische Soldaten fanden den Tod während der Kämpfe, die Verluste auf äthiopischer Seite waren um ein vielfaches höher.

Fünf Jahre

Auch die Folgejahre bescherten Italienisch-Ostafrika, welches übrigens nie von Mussolini besucht wurde, keine Ruhe. Der Partisanenkrieg brach aus. Nicht erst nach einem Attentat auf Vize-König Rodolfo Graziani, bei dem der Stadthalter Mussolinis schwer verletzt wurde, ist der Widerstand mit aller Härte bekämpft worden. Zu den Massakern und Untaten zählte auch die Erschießung von 400 Mönchen in einem koptischen Kloster.

Die Herrschaft Italiens über Äthiopien währte nicht lange. Das vom Duce ausgerufene Imperium bestand ganze fünf Jahre. Aus der versprochenen Erschließung des Landes wurde ebenso wenig wie die angestrebte Ausbeutung der Rohstoffe. Stattdessen zerrieb Italien seine Kräfte im Guerilla-Krieg während in Europa der Zweite Weltkrieg tobte. 1941 eroberten britische Truppen Italienisch-Ostafrika, ein Jahr zuvor hatte Italien London und Paris den Krieg erklärt. Kaiser Selassie, aus dem Exil heimgekehrt, wurde eine triumphale Rückkehr bereitet.

Das Verhältnis Italien Äthiopien normalisierte sich erst 1997 durch den Besuch des italienischen Präsidenten Scalfaro in Addis Abeba. Die Absicht seiner Reise war es, ein beschämendes Kapitel der Geschichte endgültig zu schließen.



Autor: Oliver Ramme
   
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