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22.5.1896: Russisch-chinesisches Bündnis
Am russischen Hofe versammeln sich hohe Gäste. Der Anlass: die Krönung des Zaren Nikolaus II. Angereist ist auch der Außenminister des chinesischen Kaiserhofes, Li Hongzhang. Auch wenn der Anlass feierlich sein soll - weder beim chinesischen Gast noch beim russischen Gastgeber, Finanzminister Witte, kommt richtig Freude auf. Zu bedrückend sind die frischen Niederlagen, die Peking und Moskau eingesteckt haben:

Zitat: "China tritt die Insel Taiwan nebst allen dazu gehörigen Archipel für immer an Japan ab. China tritt seine nordöstliche Halbinsel Liaodong an Japan ab. China erklärt sich bereit, 200 Millionen Unzen Silber als Kriegsreparation an Japan zu zahlen."

Zu der Erniedrigung für die letzte chinesische Dynastie als Konsequenz des verlorenen Krieges ein Jahr zuvor, 1895, gesellt sich die russische Niederlage auf der koreanischen Halbinsel: Die neue asiatische Großmacht Japan verjagt die russischen Vertreter aus Seoul und entreißt Moskau die neue Kontrolle über das koreanische Könighaus.

Beide Verlierer schwören insgeheim Rache, doch die Rache schmeckt gleich von Anfang an bitter - vor allem für den chinesischen Kaiserhof. Ein Berater Li Hongzhangs hält in seinem Tagebuch am 22. Mai 1896 fest:

Zitat: "Diese verdammten Langnasen lassen sich wohl nie ganz befriedigen: Das Baurecht für die Eisenbahnlinie durch das Land unserer Ahnen; Öffnung aller unserer Häfen für russische Kanonenboote im Kriegsfall. Nun wollen die russischen Teufel auch noch Geld, viel Geld."

30 Millionen Unzen Silber haben Russland, Frankreich und Deutschland gerade vor einem Jahr von Peking kassiert. Ihre Leistung: sie zwingen Japan dazu, die nordöstliche chinesische Halbinsel Liaodong, die Peking als Kriegsreparation 1895 an Japan abtreten soll, wieder an Peking zurückzugeben.

Bei den geheimen Verhandlungen am Rande der Krönung von Nikolaus II. ein Jahr später geht es, was das Geld angeht, um etwas anderes. Es geht um die satten Profite, die Moskau von der Eisenbahnlinie Wladivostock bis nach Dalian, dem gefrierfreien chinesischen Hafen erwartet. Und es geht um noch wesentlich mehr. Aus dem Vertragsentwurf 1896 verlautet unter Artikel Fünf:

Zitat: "Nachdem Russland die besagte Eisenbahnlinie bis nach Dalian fertiggestellt hat, behält Russland das Recht, zu jeder Zeit Kriegsmaterial durch Nordostchina über die besagte Eisenbahnlinie frei zu transportieren."

Um einen russischen Krieg gegen Japan auf dem chinesischen Territorium geht es also. Den Krieg soll Russland acht Jahre später, 1904, trotz des geheimen Bündnisses mit dem chinesischen Kaiserreich verlieren.

Verloren gegangen ist jedoch bereits 1896 das Vertrauen zwischen den beiden ungleichen Partnern, dem zaristischen Russland und dem kaiserlichen China, denn um die Jahrhundertwende gehört Russland ebenso wie Japan zu den westlichen Mächten, die dem maroden chinesischen Reich Geld, Macht und Ressourcen abnötigen, gleich, wer gegen wen welche Kriege führt, gleich, wer mit wem welches Bündnis schließt.

So steht am 22. Mai 1896 fest, wer der ewige Verlierer sein wird: China; auch wenn Artikel Eins des russisch-chinesischen Geheimpaktes, unterzeichnet am 3. Juni 1896 in Moskau, lautet:

Zitat: "Russland und China erklären sich hiermit bereit und willens, im Falle einer japanischen Invasion entweder in das Nordostchina oder in den russischen Fernost einschließlich der koreanischen Halbinsel sich einander mit allen militärischen und zivilen Mitteln zu helfen. Keine der Vertragsparteien wird ohne das Einvernehmen der jeweils anderen Partei den Frieden mit Japan schließen."

Als Russland 1904 den über lange Hand vorbereiteten Krieg gegen Japan verliert, gehen die chinesischen Militärhäfen Lüshun und Dalian, kraft dem Geheimvertrag 1896 an Moskau gepachtet, direkt an Japan, ohne dass der chinesische Kaiser auch nur ein Wort mitreden darf. Peking darf nur noch einmal Kriegsreparation zahlen: an Russland und an Japan.

Autor: Shi Ming
   
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