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12.6.1990: Russland erklärt Souveränität
"Wohin soll man rennen?" Mit dieser verzweifelten Frage kommentiert die französische Tageszeitung "Le Monde" die Ereignisse der letzten Tage in Moskau. Russland erklärt sich souverän.

Boris Jelzin trifft sich mit Michail Gorbatschow, die baltischen Republiken verhandeln mit der "Noch"-Sowjetregierung, der Oberste Sowjet der Union stimmt über Wirtschaftsreformen ab, und Präsidentensprecher Maslennikow kündigt einen neuen Unionsvertrag an - das alles in zwei aufregenden Tagen, und was es bedeutet, weiß auch keiner so recht.

Das alte Regime der Sowjetunion ist plötzlich von gestern. Eine Ideologie und ein System sind perdu, verloren. Wer will noch für eine sowjetische Republik leben, kämpfen oder gar sterben, wie es in den alten und immer wieder gerne gespielten Liedern aufrechterhalten wird?

Im souveränen Russland will mancher sogar schon einen gekrönten Adler erkennen, doch als der Kongress der Volksdeputierten für die Souveränitätserklärung stimmt, geschieht dies bei weitem nicht aus vaterländischem Chauvinismus. In Russland entsteht bisher keine nationale Bewegung als Trägerin der politischen Emanzipation, da der Begriff "Russland" vom Begriff "Sowjetunion" aufgesogen ist.

Der Befreiungskampf wird hier zum Kampf jeden einzelnen mit sich selbst. Weil sie sich durch keine nationale Bewegung befreien können, gehen die Russen den schweren Weg: Durch eine Bewegung mit hauptsächlich demokratischen Inhalten haben sie sich als Nation konstituiert. Dass die konservativen Nationalisten durch dieses Vorgehen zum Konsens gezwungen sind, ist ein genialer Schachzug des "Blocks Demokratisches Russland", der so mit knapper Mehrheit zu siegen versteht.

"Unser Land ist am letzten Zipfelchen der letzten Hoffnung auf eine radikale Veränderung angelangt, denn Russland ist die Lokomotive des ganzen Landes", schreibt die Zeitschrift "Argumenti i fakty" zu Beginn dieses Kongresses.

Inzwischen zieht die Lokomotive an und die mit der alten UdSSR-Regierung überworfenen Randrepubliken lassen erkennen, dass ihnen die Richtung passt. Der litauische Parlamentspräsident Landsbergis antwortet auf die Frage von Vertretern der Moskauer Stadtsowjets, was denn nun weiter aus seinem Land werden solle, dass es jetzt ja in Russland einen Boris Jelzin gäbe, und da werde man schon weiter sehen.

Und ein Besucher aus Georgien, einem Land mit einer ausgesprochenen Trinkspruchkultur, teilt in Moskau mit: "Wir trinken jetzt nur noch auf den Segen Russlands."

Durch den Plan, mit allen anderen Unionsrepubliken eigenständige vertragliche Beziehungen aufzubauen, verwirklicht die neue russische Führungsspitze in aller Öffentlichkeit die "Superverschwörung" aus Stalins Alträumen. Wird nunmehr die Zukunft der Nationen von der Gesinnung der Zöllner und Eisenbahner abhängen, wie Moskauer Internakreise vermuten?

Und was wird bei alledem aus dem so geliebten Präsidenten der UdSSR, Michail Gorbatschow?

Erste Anzeichen sprechen dafür, dass sich der Präsident als politischer Meistersegler aus dem Strom retten wird, verfügt er doch wie kein Zweiter über die Fähigkeit, politische Entwicklungen als Resultat der eigenen Bemühungen zu deklarieren.

Für die Regierung Ryschkow steht das präsidiale Schattenkabinett schon bereit, und auch über die durch Russlands Souveränitätserklärung entstehende Krise scheint sich Gorbatschow retten zu können. Zusammenarbeit "auf einer gemeinsamen sachlichen Basis" verspricht Boris Jelzin. Und was dies bedeuten könnte, lässt Chefideologe Wadim Medwedew schon durchblicken:

Wadim Medwedew: "Wir diskutieren über einen gemeinsamen Programmentwurf der verschiedenen KP-Flügel zum Parteikongress im Juli, also nächsten Monat."

Und damit könnte eine Parteispaltung vermieden werden. Mit dem Ende der Sowjetunion beginnt eine neue Ära. Die eigene Weltmachtrolle entschwindet und Europa rückt ins Zentrum.

Den stolzesten Erfolg im Osten können wieder einmal Deutsche melden: "Wir bilden zur Zeit die ersten 15 Sowjetbürger zu Croupiers am American Roulett und Black Jack aus", beehrt sich ein Hamburger Glücksspielunternehmen mitzuteilen, das im Moskauer Hotel Leningradskaja mit staatlicher Billigung das erste russische Spielkasino betreibt. Und vor der Moskauer Bulettenbratküche des Fast-Food-Giganten McDonald's stehen die Schlangen inzwischen gedrängter als vor dem nahen Lenin-Museum.

Und während das klebrige Nationalgetränk "Kwas" schon längst von Coca-Cola abgelöst wird, rühmt ein in Moskau bekannter Kulturwissenschaftler, dass dies nun endlich ein "hoffnungsvolles zivilisatorisches Zeichen" sei.

Autorin: Doris Bulau
   
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