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13.6.1878: Berliner Kongress beginnt
Ein Netz von Geheimpolizisten sorgt in der schwülen Juni-Hitze Berlins unauffällig für die Sicherheit der Gäste. Vor den Residenzen von Botschaftern und Premierministern stehen Doppelposten preußischer Eliteregimenter. Dem leiblichen Wohl dient ein gewaltiges Büffet, für das Borchard, der renommierteste Berliner Hotelier jener Zeit, pro Tag 500 Goldmark aus der Reichkasse erhält. Zu wenig, sagt er, er zahle drauf, aber das sei ihm die Sache wert.

Die Sache ist nichts weniger als der Versuch Bismarcks, den Ersten Weltkrieg zu verhindern. Am 13. Juni 1878 lädt der deutsche Reichskanzler die fünf europäischen Großmächte, die an der Schwelle zum Großen Krieg stehen, aber auch die an diesem Konflikt maßgeblich beteiligten Balkanländer und die Türkei in die Reichshauptstadt ein. Bismarck sagt:

Bismarck: "Ich will nichts mehr als der ehrliche Makler zwischen uneinigen Klienten sein, der das Geschäft zustande bringt."

Die "Klienten" sind Russland, Österreich und England. Die vierte Großmacht, Frankreich, spielt keine Rolle und sollte nach dem Kongress isoliert sein. Das Geschäft lautet: Eine Einigung zwischen Russland und Österreich über den Balkan, eine Einigung zwischen Russland und England über die Dardanellen, eine Kompensation für Russland herzustellen.

Vorausgegangen war dem Kongress zuerst ein serbisch-türkischer Konflikt, der 1876 mit einer vernichtenden Niederlage der aufständischen Serben gegen den vermeintlich "kranken Mann vom Bosporus" endet. Den Serben und Montenegrinern war es nicht gelungen, die türkische Vorherrschaft abzuschütteln.

Russland fürchtet um sein Prestige als orthodoxe Schutzmacht Serbiens und um seine panslawistischen Ziele und greift daher im April 1877 die Türkei an. Der Krieg endet Anfang 1878 mit einem Sieg Russlands und dem Diktatfrieden von San Stefano.

St. Petersburg liquidiert den europäischen Brückenkopf der Osmanen und schiebt ein abhängiges Groß-Bulgarien als Satellitenstaat vom Schwarzen Meer bis zur Ägäis quer über den Balkan. Das europäische Gleichgewicht gerät damit aus den Fugen, entscheidender aber: Die Friedensbedingungen sind ein Schlag ins Gesicht des britischen Kabinetts, seit dem Krimkrieg Protektor der Osmanen.

Zudem will die britische Seemacht unter allen Umständen den Zugang Russlands durch die Dardanellen zum Mittelmeerraum verhindern, zum eigenen maritimen Einflussgebiet also. Der russische Anspruch über den gesamten Balkan ist zudem eine Herausforderung an Österreich, das Bosnien erwerben will.

Der britische Premier Disraeli schickt umgehend 5000 Mann Gurkhas, indische Elitetruppen, nach Malta. Fregatten unter dem Union Jack laufen ins Marmarameer ein. Petersburg erkennt, dass der Preis des Friedens von San Stefan ein Krieg mit England ist, den es nicht gewinnen kann, zumal Österreich Kriegskredite aufnimmt und die Grenzgarnisonen in Alarmbereitschaft versetzt.

Bismarck erkennt, das Deutschland in diesen Krieg unweigerlich hereingezogen wird. Der Kongress ist die letzte Option. Doch ausgerechnet der kriegslüsterne Junker als Friedensengel, als Schlichter? Der Gutsherr aus Friedrichsruh, der mit drei Kriegen das deutsche Reich aus Blut und Eisen gegründet, demokratische Prinzipien außer Kraft, einen Kulturkampf inszeniert und Frankreich in die Isolation getrieben hatte?

Schwer vorstellbar, die Briten, geschockt von den russischen Friedensbedingungen, haben Zweifel. Doch Bismark versichert:

Bismarck: "Wir haben keine kriegerischen Bedürfnisse, wir gehören zu den, was der alte Fürst Metternich nannte, saturierten Staaten."

Der Berliner Kongress, glanzvoll inszeniert wie die großen Monarchentreffen der Metternichzeit und größte Zusammenkunft politischer Köpfe seit Wien 1814, wird zum größten außenpolitischen Triumph des Reichskanzlers.

Bismarck bevormundet seine Gäste, droht damit, sich zurückziehen, wenn sie sich nicht einigen können. Er wird physisch und intellektuell zur dominierenden Figur. Er beeindruckt die anderen Teilnehmer gleichermaßen durch seine seltsamen kulinarischen Vorlieben (es war ihnen neu, dass man Kirschen im Wechsel mit Krabben essen konnte) und durch seine geistreichen Seitenhiebe gegen den nominellen Chef der russischen Delegation, Fürst Gortschakow. Deutschland findet seinen Platz unter den Mächten, und Berlin wird zur diplomatischen Hauptstadt Europas.

Nicht nur das Ausland, auch die Deutschen sind beeindruckt. Ihr Kanzler, so scheint es, kutschiert Europa vom Bock. Innenpolitisch von größter Bedeutung, da die Tage des Kongresses auch die Tage der großen Reichstagskrise mit zwei Attentaten auf den Kaiser und der bismarckschen Staatsstreichdrohung sind.

Das Ergebnis: Österreich erhält die Verwaltungshoheit über Bosnien-Herzegowina, England erhielt Zypern, und auch Russland hätte zufrieden sein können: Die Hegemonie im Südosten blieb ihnen zwar versagt, es gab kein Groß-Bulgarien von des Zares Gnaden, doch es erhält die bessarabischen Gebiete zurück, die ihm 1856 abgenommen worden.

Die Russen konnten für sich verbuchen, den Serben, Montenegrinern und Rumänen Unabhängigkeit verschafft, den Bulgaren das Fundament für eine nationale Unabhängigkeit gelegt und die Türken zu weitreichenden Zugeständnissen und hoher Kriegsentschädigung gezwungen zu haben.

Doch dem Zar reichte dies nicht. Er hatte sich im Wechsel für sein Stillhalten beim deutsch-französischen Krieg 1870/1871 mehr versprochen und kam zu der Überzeugung, dass der Berliner Kongress "eine europäische Koalition gegen Russland unter der Führung von Fürst Bismarck" war. (Zitat Zar Alexander)

Bismarck hatte den großen Krieg verhindert, indem er die Konflikte aus dem europäischen Zentrum an die Peripherie - auf den Balkan, in den Nahen Osten und in den Mittelmeerraum - verlagerte, doch der Preis ist hoch: Das Misstrauen Russlands und ein instabiler Balkan, der ihm nie "die Knochen eines einzigen pommerschen Junkers wert" war.

1879 gibt Bismarck die scheinbare freie Mittlerstellung auf und schließt mit Österreich den Zweibund. Kaiser Wilhelm I. überzeugt er mit den Worten:

Bismarck: "Es bedarf auch keines Beweises, dass wir, in der Mitte Europas, uns keiner Isolierung aussetzen dürfen."

Der erste Teil einer Geheimdiplomatie, die Europa in Bündnisse und Gegenbündnisse spaltete und Deutschland und Österreich am Vorabend des ersten Weltkriegs isoliert zurückließ.

Autor: Frank Gerstenberg
   
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