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1.7.1943: Juden unter "Polizeirecht"
Himmler: "Sie wissen nun Bescheid, und Sie behalten es für sich. Man wird vielleicht in ganz später Zeit sich einmal überlegen können, ob man dem deutschen Volk etwas mehr darüber sagt. Ich glaube, es ist besser, wir - wir insgesamt - haben das für unser Volk getragen, haben die Verantwortung auf uns genommen und nehmen dann das Geheimnis mit ins Grab."

Heinrich Himmler, Chef der SS und pedantischer Betreiber einer Mordmaschine, spricht diese deutlichen Worte im Herbst 1943 vor den Reichs- und Gauleitern der NSDAP. Sein Anliegen: die Lösung der Judenfrage.

Zehn Jahre zurück: Mit dem Sieg des Nationalsozialismus über die Demokratie ist der Antisemitismus Staatsdoktrin in Deutschland. Zu den Stationen der Entwicklung gehören im April 1933 der Boykott gegen jüdische Geschäfte und Unternehmen, die Verdrängung der Juden aus Berufen, Universitäten, Theatern und Schulen und ihre Ausgrenzung aus der Gesellschaft durch die Nürnberger Gesetzte von 1935. Hans-Oskar Löwenstein erinnert sich:

"Kein Telefon, kein Radio, keinen Plattenspieler, keine Fotoapparate, keine optischen Geräte, außer einer Brille, die man tragen musste, durfte man behalten, das warme Wasser wurde gesperrt, der Fahrstuhl war verboten zu benutzen, die Balkons, die auf den Kurfürstendamm hinausgingen, durften nicht mehr betreten werden. In der Küche wurden Gas- und Elektroherde versiegelt. Man durfte nur noch auf zwei Gasflammenkocher oder zwei Elektrokocher kochen. Also, furchtbar. Man durfte keinen arischen Goldfisch haben, keinen arischen Wellensittich, keine Blumen, keine Pflanzen. Alles war für Juden verboten. Es war wirklich kein Leben."

Weitere Schikanen, Gesetze, Ausgrenzungen folgen, und Adolf Hitler macht keinen Hehl aus seinen Absichten, die Juden und Bolschewisten als Feinde zu erklären, die es zu vernichten gilt.

Hitler: "Ich hüte mich vor voreiligen Prophezeiungen. Das dieser Krieg nicht so ausgeht, wie die Juden sich das vorstellen, dass die europäischen, arischen Völker ausgerottet werden, sondern das das Ergebnis dieses Krieges die Vernichtung des Judentums ist."

Man will die Juden loswerden. - Und das deutsche Volk, wie dachte es? Der Jagdflieger Heinrich Graf von Einsiedel gesteht heute offen die damalige deutsche Befindlichkeit:

Heinrich Graf von Einsiedel: "Die Grundstimmung war antisemitisch. Man wusste eben wer eine Jude war. Man fragte ja nicht bei anderen Deutschen, ob sie Katholiken oder Protestanten oder sonst was waren. Aber wenn jemand Jude war, dann war das eben was besonderes, dann war er was anderes."

Die Propagandamaschine gegen die Juden läuft. Dem November-Pogrom von 1938, als die Synagogen brennen, folgen Enteignungen und Gewaltakte. Die Wahnseekonferenz von 1941 hat schon längst die Vernichtung der Juden im gesamten deutschen Herrschaftsgebiet geplant. Öffentliche Demütigungen und inszenierte Entwürdigung gehören nun zur Tagesordnung. Auch die Jugend wird zum Hass auf die Juden eingepeitscht. Gauleiter Julius Streicher lässt gerne seine Hasstiraden los:

Streicher: "Erzieht die Kinder zu einen gesunden Hass, zu einem gesunden Zorn, sagt den Kindern, jawoll, mit der Peitsche hat er sie hinausgehauen. Der wahre Hass gegen Juden, erzeugt diesen Hass (...)"

Zu Beginn der Nazi-Herrschaft leben rund eine halbe Million Juden in Deutschland, bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ist die Hälfte bereits ausgewandert. Ghettoisierung, Deportationen, Ermordung werden jetzt alltäglich.

Von Herbst 1941 an beginnen auch in Weißrussland umfangreiche Massenerschießungen, da die Ghettos geräumt und geschlossen werden. Die Todeslager Auschwitz und Treblinka sind jetzt das Ziel. Für die noch wenige im Reich lebenden Juden vollenden zwei Verfügungen die Diskriminierung und Entrechtung:

Die Polizeiverordnung zwingt alle Juden vom vollendeten sechsten Lebensjahr an zu Tragen des Judensterns und mit Wirkung vom 1. Juli 1943 werden die Juden in Deutschland unter Polizeirecht gestellt: Damit existieren für sie keinerlei Rechtsinstanzen mehr.

Autorin: Doris Bulau
   
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