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2.8.1903: Ilinden-Aufstand
Die vier orthodoxen Kirchen der Gebirgsstadt Krusevo hoch oben im mazedonischen Babagebirge läuten heute nicht zum Gebet. Die Kirchenglocken geben das Signal zum Aufstand gegen die osmanische Herrschaft.

Es ist der Sankt Elias Tag, und dieser Tag wird in die Geschichte der Balkan-Völker als "Ilinden-Aufstand" eingehen. Der Aufstand beschränkt sich nicht auf die Gebirgsstadt Krusevo, sondern greift zeitweilig weit in die fruchtbare pelagonische Ebene bis nach Bitola über.

Die "Innere mazedonische revolutionäre Organisation", kurz IMRO, hat 26.000 Mann mobilisiert. Sie haben "Freiheit oder Tod" auf ihre Fahnen geschrieben und kämpfen für die Autonomie Mazedoniens. Obwohl der Aufstand schlecht vorbereitet ist und überstürzt ausgelöst wurde, sind die militärisch weit überlegenen türkischen Herrscher zunächst überrascht. Zehn Tage lang halten sich die Aufständischen, zehn Tage währt die "Republik Krusevo".

Die Republik beruft sich auf ein erstaunlich modern klingendes Manifest. Es fußt auf den Prinzipien der Menschenrechte, verheißt Demokratie, Glaubensfreiheit und ethnische Toleranz. Allein die Ausrufung einer Republik ist eine Sensation für den Balkan.

Zitat: "Brüder, Landsleute, liebe Nachbarn. Wir, Eure Nachbarn und Freunde, haben unabhängig vom Glauben, der Nationalität, des Geschlechts und der politischen Überzeugung (...) den Entschluss gefasst, die Waffen zu erheben und um die Freiheit zu kämpfen. Mazedonien ist unsere gemeinsame Mutter und ruft nach Hilfe. Eilt herbei, um die Fesseln des Jochs zu sprengen, um die Leiden zu überwinden und die Flüsse von Blut und Tränen zuzuschütten."

Zehn Jahre vor dem Ilinden-Aufstand, am 23. Oktober 1893, treffen sich in der Wohnung des Buchhändlers Ivan Nikolov in Saloniki sechs junge Leute: Sie gründen die geheime Organisation IMRO. In ihren Statuten legen sie fest, dass sich die Tätigkeiten der Organisation nur auf Mazedonien beschränken sollen, dass nur in Mazedonien geborene und lebende Personen Mitglieder sein können und dass ihr Ziel die Autonomie Mazedoniens ist. Schließlich, dass die IMRO unabhängig von den Nachbarstaaten Bulgarien, Serbien und Griechenland handelt.

Drei Jahre später stößt der Lehrer Goce Delcev zu dem Geheimbund. Unter seiner Führung gewinnt die von inneren Flügelkämpfen erschütterte Organisation rasch an Schlagkraft, schon bald verfügt sie über bewaffnete Abteilungen.

Von Anfang an gibt es innerhalb der IMRO zwei Flügel: Goce Delcev und seine Anhänger streben eine Autonomie Mazedoniens innerhalb des türkischen Reiches an. Die andere Fraktion ist entweder für den Anschluss an Bulgarien oder für ein selbständiges Mazedonien.

Uneinigkeit besteht auch über den Zeitpunkt des Ilinden-Aufstandes: Während der neue IMRO-Präsident, der Bulgare Gavranov, im Frühjahr 1903 darauf drängt, in Mazedonien einen allgemeinen Aufstand aufzurufen, um die europäischen Mächte dazu zu veranlassen auf die Türkei Druck auszuüben, hält Delcev den Zeitpunkt zu verfrüht, weil die Bevölkerung nicht genügend darauf vorbereitet sei.

Noch ehe eine endgültige Entscheidung fällt, gerät Delcev am 4. Mai 1903 auf dem Weg nach Saloniki mit elf anderen Revolutionären in einen türkischen Hinterhalt. Die Türken schneiden Delcev den Kopf ab und schicken ihn als Beweis seines Todes an den Gouverneur von Saloniki. Später versuchen sowohl die bulgarische als auch die mazedonische Geschichtsschreibung Delcev als Nationalhelden für sich zu vereinnahmen.

Drei Monate nach Delcevs Ermordung bricht der Aufstand aus, mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung. Die Türken rücken mit 176.000 Soldaten und 444 Kanonen vor und ersticken den Aufstand in Blut und Feuer. Nach Angaben der IMRO werden rund 200 Dörfer niedergebrannt, 70.000 Menschen werden obdachlos, 30.000 fliehen in die Nachbarstaaten, mehr als 8000 Menschen werden ermordet.

Die europäischen Mächte intervenieren bei Sultan Abdul Hamit und setzen ein Reformprogramm durch. Doch die Reformen bleiben stecken, weil die Jungtürken zwar das türkische Reich demokratisieren wollen, aber am zentralistischen Führungsstil festhalten.

In der IMRO verschärft sich der Kampf unter den rivalisierenden Fraktionen. Der mazedonische Flügel wirft dem bulgarisch orientierten vor, den Aufstand absichtlich verfrüht angezettelt zu haben, um die Mazedonier den Türken auszuliefern. Die Bulgaren hingegen bezichtigen die Mazedonier, den Aufstand dilettantisch vorbereitet zu haben.

Als sich das Gerücht verbreitet, die Ermordung führender mazedonischer Revolutionäre sei geplant, bricht der Terror in der IMRO aus: Die zum rechten Flügel zählenden Bulgaren Gavranov und Sarafov werden erschossen, als sie in Sofia den Palast König Ferdinands verlassen.

Bis zum Zweiten Weltkrieg prägt der Terror der IMRO den Kampf um Mazedonien. Als Mazedonien neunzig Jahre später ein unabhängiger Staat wird, findet das Manifest der Republik Krusevo Eingang in die Verfassung des Landes.

Autorin: Verica Spasovska
   
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