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6.9.1961: Erste Konferenz der Blockfreien beendet
Der Begriff der sogenannten "Dritten Welt" ist unmittelbar mit dem Begriff "Blockfreienbewegung" verbunden. Zum ersten Mal taucht diese Bezeichnung für die ärmsten Länder in Afrika und Asien 1949 auf. In seinen Anfängen und mit der Vorstellung eines "Dritten Weges" manifestiert sie sich dann bald in die "Blockfreienbewegung."

Blockfrei heißt für die Länder der Dritten Welt neutral zu sein - im Spannungsfeld zwischen den kommunistischen, von Moskau aus gesteuerten Staaten sich ebenso wenig einvernehmen zu lassen, wie von den westlichen Industrienationen, die sehr stark nach den USA ausgerichtet sind.

Und es kommt auch nicht von ganz ungefähr, dass gerade die blockfreien, also neutralen Staaten ehemals von europäischen Ländern kolonisierte Gebiete sind, die sich nach ihrer Befreiung von ihren sogenannten Mutterländern abnabeln wollen.

Diese als "neue" Länder in Afrika und Asien bezeichneten Staaten befürchten nach ihrer freiwilligen oder erkämpften Freiheit eine neue Form der Abhängigkeit. Doch bleibt es zunächst nicht aus, dass diese armen, aber unabhängigen Länder auf ihrem Weg in die Neutralität dennoch zumindest rudimentäre Hilfe von den beiden Blöcken, also den westlichen und östlichen Mächten, annehmen müssen, um erst einmal auf die Füße zu kommen.

Der "Dritte Weg" bezeichnet auch für Blockfreienbewegung eine andere Vorstellung der Ökonomie. Nicht der kapitalistische und nicht der kommunistische Weg der Wirtschaft wird angestrebt, eine Mischung aus beiden ist das Ziel.

Zu Beginn der 1950er-Jahre sind gerade die asiatischen Staaten bestrebt, sich mit den afrikanischen Ländern zu verbünden. So initiierten im April 1955 Indonesien, Burma, Ceylon, Indien und Pakistan die legendäre in Indonesien stattfindende "Bandung-Konferenz". Allein 29 teilnehmende Länder repräsentieren mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung.

Die Konferenz spiegelt die Unzufriedenheit wider, die die einladenden Länder bewegen. Themen wie das Spannungsfeld zwischen der Volksrepublik China und den Vereinigten Staaten von Amerika stehen auf der Tagesordnung. Kolonialismus wird in all seinen Formen und Auswirkungen verdammt wie der Einfluss Frankreichs auf Nordafrika oder die Auseinandersetzung Indonesiens mit den Niederlanden über den westlichen Teil von Neu Guinea. Die einwöchige Konferenz schließt mit einer Zehn-Punkte-Erklärung, die vor allem die Forderung nach Weltfrieden und die Prinzipen der Vereinten Nationen enthält.

Die erste namentliche Konferenz der blockfreien Staaten wird in der Hauptstadt des damaligen Jugoslawiens, abgehalten. Marschall Tito ist der Gastgeber der Konferenz, die am 6. September 1961 in Belgrad endet.

Die Konflikte zwischen den Delegierten werden deutlich. Indien zum Beispiel gerät in die Kritik und verlässt eindeutig den Boden der Neutralität, als es nach der sowjetischen Invasion in Ungarn 1956 bei den Vereinten Nationen für die Sowjetunion votiert. Bei einer Grenzstreitigkeit zwischen Indien und China dagegen sucht Indien um Hilfe bei den westlichen Nationen, mit Erfolg. Die Chinesen ziehen sich zurück.

Auch der Gastgeber Jugoslawien sucht einen eigenen Weg. So verhandelt Tito bevorzugt mit Ländern, die sich nicht an der Ost-West-Konfrontation beteiligen. Seine bevorzugten Partner damals sind Ägypten und Indien. Dafür engagiert Kuba sich sehr stark antiwestlich bei den Blockfreien.

In den folgenden Jahren schreitet das Unabhängigkeitsbestreben der Dritt-Welt-Länder voran, und sie schließen sich überwiegend der Blockfreienbewegung an. Doch zwischen den beteiligten Nationen kommt es zu immer mehr Reibereien. Das Konzept einer asiatisch-afrikanischen Solidarität schwindet. Die angestrebte Neutralität der Länder ist auf Dauer nicht durchzuhalten angesichts der erschwerten Wirtschaftslage. Hinzu kommt, dass die inzwischen ebenfalls befreiten Länder ökonomisch hinterher hinken.

Auch besteht zwischen vielen der blockfreien Länder Feindschaft, wie beispielsweise zwischen dem Iran und Irak. Solche internationalen Spannungsfelder sind Wasser auf den Mühlen der Großmächte USA, Sowjetunion oder China. Die einst von 1955 und auch noch 1961 geforderten Prämissen schwächen sich immer mehr ab. Es wird immer schwieriger einheitliche Positionen zu finden, sei es in der Außenpolitik oder in Krisensituationen.

Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 ist der politische Begriff der "Neutralität" als gemeinsam geführtes Prinzip bedeutungslos geworden.



Autorin: Doris Bulau
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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