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24.6.1922: Attentat auf Rathenau
"Der Feind steht rechts", diese griffige Anklage gegen die Feinde der Republik stammt aus dem Munde von Joseph Wirth, einem der Reichskanzler der Weimarer Republik. Er gehörte dem linken Flügel der Zentrumspartei an. Wirth hatte soeben den fähigsten Mann seines Kabinetts verloren: den Außenminister Walther Rathenau.

Hans Mayer, einer der letzten großen jüdischen Gelehrten deutscher Sprache, erinnert sich an die Atmosphäre jener Tage, da er mit seinen Schulkameraden am Gymnasium das Erreichen des sogenannten "Einjährigen" feierte: immer neue Freikorps wurden gegründet, zu deren politischem Alltag Mord und Totschlag gehörten. Mayers Mitschüler grölen die Parolen dieser Leute.

Hans Mayer: "Meine Schulkameraden, die sich plötzlich zur Kenntlichkeit verändert hatten und die sich zum Freikorps bekannten, zum Hakenkreuz, zur Revanche für den verlorenen Krieg, sie schienen das alles zu billigen. Übrigens hätten sie damals auch - warum eigentlich nicht - ein anderes Lied singen können, das ihnen sicher nicht weniger vertraut war: Schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverfluchte Judensau."

Dieser Rathenau war einer der gebildetsten und politisch weitblickendsten Deutschen seiner Zeit: ein liberaler preußischer Jude aus großbürgerlichem Industriellenhaus. Sein Vater Emil Rathenau war der Begründer des Elektrokonzerns AEG.

Der Sohn entwickelt schon sehr früh einen ausgeprägten Sinn für musische und ästhetische Probleme. Aber er ordnet seine künstlerischen und philosophisch-schriftstellerischen Ambitionen seinem wachen Sinn für wirtschaftliche und politische Fragen unter.

Ignaz Bubis, der inzwischen verstorbene Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, beurteilt Walther Rathenau so: "Er war ständig, sein ganzes Leben lang, hin- und hergerissen einerseits von der Liebe zu Deutschland und gleichzeitig von der Erkenntnis, dass für viele, sogar für den Staat, Jude-Sein etwas Zweitklassiges bedeutete. Seinem Patriotismus tat das aber keinen Abbruch."

Vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges veröffentlicht Rathenau politische Überlegungen, um die Reibungen der Völker in Europa aneinander aufzuheben oder wenigstens zu mindern. Auch in dieser Hinsicht ist er seinen Zeitgenossen weit voraus. Als aber dann der Erste Weltkrieg ausbricht, überwiegt das, was man damals für das Patriotische hält, in ihm: Rathenau übernimmt die Kriegsrohstoff-Abteilung im preußischen Kriegsministerium, die er mit großer Effizienz leitet.

1921 wird er zum Wiederaufbau- und wenig später zum Außenminister berufen: nicht im Anschluss an eine politische Laufbahn, von der er auch geträumt hat, sondern weil der Reichskanzler Joseph Wirth Rathenaus Kenntnisse und Fähigkeiten zum Tragen bringen will.

Theodor Heuss, der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, urteilte über ihn: "Ich glaube, Rathenau war der unnaivste Mensch, dem ich je begegnet bin, mit einem höchst gezüchteten Intellekt, in immer gegenwärtiger Bewusstheit, aber er spürte wohl, dass das rationelle Training nicht das letzte sei."

Rathenaus größte Tat als Außenminister ist der Abschluss des Rapallo-Vertrages im April 1922. Vereinfachend gesagt könnte man diesen Vertrag ein Bündnis der beiden großen Weltkriegs-Verlierer nennen.

Hier tun sich das geschlagene Deutschland und das bolschewistische Russland zu einer Art Schutzbündnis zusammen. Darin verzichten Berlin und Moskau auf alle finanziellen Forderungen. Die beiden Staaten vereinbaren die sofortige Aufnahme diplomatischer und konsularischer Beziehungen und beschließen eine wirtschaftliche Annäherung.

Der Vertrag löst im Lager der Sieger schwere Verstimmungen aus. In nationalen und extrem rechten Kreisen Deutschlands stößt er ohnehin auf heftige Ablehnung. Jedenfalls muss der westeuropäisch orientierte Großbürger Rathenau den Verdacht der Kommunistenfreundschaft oder gar Kommunistenhörigkeit über sich ergehen lassen.

Kaum mehr als acht Wochen nach Abschluss dieses Vertrages ist Walther Rathenau tot. Am 24. Juni 1922 wird er auf der Fahrt zu seinem Dienstsitz, dem Auswärtigen Amt, in seinem offenen Wagen von zwei jungen Rechtsradikalen, einem ehemaligen See-Offizier und einem Techniker, erschossen.

Der Historiker Golo Mann hat Rathenau gelegentlich so gewürdigt: "Er hat sorgfältig unterschieden zwischen dem Unvermeidlichen und dem was Freiheit noch tun oder verfehlen könnte. Und eben darum darf man ihn - nimmt man alles in allem - einen guten Berater seiner Zeit nennen. Es war gut, dass er wenigstens versuchte, die Aufgaben seines Zeitalters denkend zusammenzufassen und Ziele zu setzen über die Not und Opportunitäten des Tages hinaus."

Von diesem Walther Rathenau darf man sicher sagen, dass er sich um das Vaterland verdient gemacht hat.

Autor: Otto Busch
   
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