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25.7.1956: Wehrpflichtgesetz tritt in Kraft
"Sehr geehrter Herr Steiner, nach dem Musterungsbescheid vom 21. Februar 1985 stehen Sie für den Grundwehrdienst zur Verfügung. Sie werden gebeten, sich am 1. Juli 1985 bis 18.00 Uhr bei der Nachschubausbildungskompanie 10/I in Wesel einzufinden und zum Dienstantritt zu stellen."

Selten hat etwas mein Leben so sehr verändert wie dieser Einberufungsbescheid: Wohnen in einer Kaserne 450 Kilometer fern der Heimat, mit sechs Mann in einem Zimmer - Stube genannt, aber wenig gemütlich, gerademal ein Fach, 30 mal 30 Zentimeter groß, für private Dinge.

Kommunikation nur im Kommandoton, pünktlich morgens um halb sechs der Ruf "Kompanie aufstehen", selbst zum Essen nur in Kolonne. Kompanie marsch - Kompanie rechts um - links um - Stillgestanden - Augen gerade aus. Mein erster 5000-Meter-Lauf, 30 Kilometer-Marsch mit schwerem Gepäck. Am zweiten Tag schon eine Waffe in der Hand, wenig später Schießen mit scharfer Munition. Als 19jähriger lernte ich so das Soldatenhandwerk.

Mehr als zehn Millionen Deutsche teilen diese oder ähnliche Erinnerungen an die Bundeswehr. Zehn Millionen. Nur die wenigsten von ihnen sind freiwillig Soldaten geworden. Die Armee der deutschen Nachkriegsdemokratie, die Bundeswehr - sie war von Anfang an eine Wehrpflichtarmee. Am 25. Juli 1956 trat das Wehrpflichtgesetz in Kraft, das jeden deutschen Mann zum Dienst mit der Waffe oder bei Verweigerung aus Gewissensgründen zu einem zivilen Ersatzdienst verpflichtet.

Vor allem zwei Argumente waren ausschlaggebend für die Einführung der Wehrpflicht - ein sicherheitspolitisch-militärisches und ein gesellschaftspolitisches. Die Bundeswehr, deswegen hatten ja vor allem die USA ihre Gründung und den Beitritt der Bundesrepublik zur NATO gefordert, sollte die Hauptlast der konventionellen Verteidigung Westeuropas gegen einen möglichen Angriff aus dem Osten tragen.

Nach dem Fall der Mauer ist die gesellschaftspolitische Begründung der Wehrpflicht in den Vordergrund getreten.

Claire Marienfeld, die Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages: "Für uns Deutsche ist die Wehrform Wehrpflichtarmee die beste. Der wichtigste Punkt ist die Integration der Streitkräfte in die Gesellschaft. Die ist nirgendwo so gut, wie bei einer Wehrform Wehrpflichtarmee, weil die direkte Kontrolle über die Streitkräfte durch die Wehrpflichtigen selber stattfindet. Die erzählen, was sie erleben in der Bundeswehr, und das bleibt nicht ohne Folgen."

Die Angst vor der Berufsarmee als Staat im Staat, die die Weimarer Republik so massiv geschädigt hat, sie wirkt bis heute fort. Demgegenüber avancierte das Konzept des "Staatsbürgers in Uniform" zum Erfolgsmodell, wurde inzwischen auch von vielen Reformstaaten Mittelost- und Südosteuropas beim Umbau ihrer Armeen übernommen.

Und noch weitere Argumente führen die Befürworter der Wehrpflicht ins Feld: Die Bundeswehr gewinne die Hälfte ihrer Zeit- und Berufssoldaten unter den Wehrpflichtigen, der Grundwehrdienst schaffe mithin die Grundlage für qualifizierten Unteroffiziers- und Offiziersnachwuchs. Und außerdem sei die Wehrpflichtarmee einfach die intelligentere Armee.

Wobei fraglich ist, ob diese Ressourcen immer optimal genutzt werden. "Gammeldienst" ist ein Schlagwort, mit dem sich Kommandeure immer wieder auseinandersetzen müssen: "Wir haben eins nicht in den Griff gekriegt, bis heute nicht: Das ist die interessante Beschäftigung und Auslastung der hochqualifizierten jungen Wehrpflichtigen. Wenn man den Dienstgrad des Wehrpflichtigen betrachtet und seine Funktion in den Streitkräften, ist das die unterste Ebene. Der kommt aber zu uns als Abiturient, als Student, als Meister, als gelernter Facharbeiter, als Familienvater, gestandener Unternehmer und wird dann auf eine Stufe zurückgeworfen, die im öffentlichen Dienst der Postbote innehat. Und dies lastet ihn nicht aus."

Tatsache ist: Die Wehrpflicht kommt zunehmend in die Diskussion, zumal der künftige Aufgabenschwerpunkt der Bundeswehr bei Auslandseinsätzen und weniger in der Landesverteidigung liegt. Deswegen dürfte zunehmend an Bedeutung gewinnen, was der frühere Bundespräsident Herzog der Bundeswehr bereits 1995 ins Stammbuch geschrieben hat: "Die Wehrpflicht ist ein so tiefer Eingriff in die individuelle Freiheit des jungen Bürgers, dass ihn der demokratische Rechtsstaat nur fordern darf, wenn es die äußere Sicherheit des Staates wirklich gebietet. Sie ist also kein allgemeingültiges ewiges Prinzip, sondern sie ist auch abhängig von der konkreten Sicherheitslage."

55 Jahre später gehört die Wehrpflicht in Deutschland der Vergangenheit an: Zum 1. Juli 2011 beschloss das Bundeskabinett eine Aussetzung der Wehrpflicht.


Autor: Felix Steiner
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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