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23.6.1955: Revolutionäres Düsenverkehrsflugzeug
Waren die Menschen bislang eher an das klassische Erscheinungsbild und die charakteristischen Geräusche von Propellerflugzeugen gewöhnt, stellte sich ihnen 1955 ein neuer Typ von Verkehrsflugzeugen vor, der eine Zäsur in der Zivilluftfahrt darstellte.

1951 entschloss sich die französische Regierung dazu, den Bau eines neuen Verkehrsflugzeuges in Angriff zu nehmen. Es sollte einen Ersatz für die propellerbetriebene MCDonnell Douglas DC-3 bieten. Dabei waren nationales Prestige und der Wille, das angloamerikanische Monopol im Bau von Verkehrsflugzeugen zu brechen, ausschlaggebend für diesen kostspieligen Entschluss.

Als günstige Lösung erschien ein zweimotoriges Strahlflugzeug, bislang einmalig auf der Welt. Anfang 1952 wurden sämtliche französische Flugzeughersteller eingeladen, entsprechende Projekte einzureichen. Die Vorgaben des französischen Luftfahrtministeriums sahen vor, dass bis zu 65 Passagiere und Fracht mit einer Geschwindigkeit von 700 Kilometern pro Stunde transportiert werden sollten.

Die Herstellerfirma Société Nationale de Constructions Aéronautiques Sud-Aviation versprach sich wegen des steigenden Passagieraufkommens gute Verkaufschancen für ihr gewähltes Konzept eines zweistrahligen Flugzeugs. Es sollte im innereuropäischen und Transatlantikverkehr eingesetzt werden.

Im September 1952 fiel die Wahl auf den Entwurf der Sud-Aviation, der den Namen SE 210 Caravelle trug. Der Name erinnerte damit an den glorreichen Segelschiffstyp des 14. bis 16. Jahrhunderts, mit dem Spanier und Portugiesen auf große Entdeckungsfahrt gingen - die historischen Parallelen waren sicherlich nicht ungewollt.

Statt der französischen Atartriebwerke wählte die Flugzeugkonstrukteure zwei leistungsfähigere Avon Düsenmotoren der britischen Marke Rolls-Royce. Im darauffolgenden Jahr begannen die Arbeiten an zwei Prototypen.

Am 23. Juni 1955 war es dann soweit. Auf der Internationalen Luftfahrtausstellung bei Paris wurde die Caravelle der Öffentlichkeit vorgestellt; es war das erste in Frankreich gebaute Düsenverkehrsflugzeug. Das Projekt stand unter enormem Zeitdruck, hatte doch der Pilot Pierre Navot erst eine Woche vorher den Erstflug des Prototyps erfolgreich absolviert.

Das Sensationelle an dem neuen Flugzeug war die für die Verkehrsluftfahrt revolutionäre Triebwerksanordnung. Um die Aerodynamik der Tragflächen zu verbessern, wurden die beiden Triebwerke in Gondeln am hinteren Rumpfteil angebracht, was sich zudem positiv auf den Innengeräuschpegel auswirkte. Die wichtigsten aerodynamischen Vorteile dieser Konstruktion waren die hohe Stabilität um die Längsachse des Flugzeuges und ein ungestörter Luftfluss um die Tragflächen.

Die Caravelle konnte darüber hinaus einmotorig rollen und starten, eine bisher in den Annalen mehrmotoriger Flugzeuge einmalige Leistung. Neuartig waren auch die Einstiegstreppen am Rumpfende sowie die dreieckigen Kabinenfenster, die eine gute Bodensicht erlaubten.

Im Vergleich zu heutigen Düsenverkehrsflugzeugen nimmt sich die Caravelle mit einer Länge von 32 Metern eher bescheiden aus. Allerdings war sie für die damalige Zeit eine stattliche Erscheinung. Ebenfalls beachtlich war ihre Reisegeschwindigkeit von über 800 Kilometern pro Stunde. Betrug die bisherige Reisezeit für die Strecke Paris - Moskau über drei Stunden, verkürzte sich die Flugzeit auf circa zwei Stunden.

Die Vorgaben waren mehr als erfüllt, und die Welt rückte wieder ein Stück näher zusammen. Das neue Triebwerkskonzept der Caravelle überzeugte auch amerikanische Hersteller von Verkehrsflugzeugen: McDonnell Douglas als auch Boeing kopierten das Konzept und setzten es erfolgreich in ihren Modellen DC-9 und 727 um.

1973 verließ die letzte Caravelle die Produktionshallen in Toulouse St. Martin. Insgesamt wurden 282 Flugzeuge dieses Typs gebaut. Sie ebneten so den Weg für die späteren Airbus-Typen. Die einzige noch flugfähige Caravelle in Europa steht in Stockholm und wartet auf Sponsoren zur Restaurierung. Ein wohl eher tragisches Ende für das erfolgreichste Düsenverkehrsflugzeug, das bislang in Europa gebaut wurde.

Autor: Mike Zuchet
   
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