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22.7.1986: Großbritannien verbot Prügelstrafe
"Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten" - nach diesem alttestamentarischen Ratschlag ging man lange Zeit auch in den Schulen vor. Prügel, so glaubte man, gehörten nun einmal zur Erziehung dazu. Über zweitausend Jahre später diskutierte man im Unterhaus, dem britischen Parlament, ob es an der Zeit sei, diese alttestamentarische Methode ad acta zu legen. Chris Patten, Staatssekretär im britischen Erziehungsministerium, war dagegen:

Patten: "Körperliche Strafen werden von vielen bekannten und verantwortungsvollen Erziehern als wertvolles disziplinarisches Instrument angesehen. Wir sollten sie nicht leichtfertig dieses Instruments berauben. Die Abschaffung der Prügelstrafe ist eine Schwächung der Position der Lehrer, und das ist das letzte, was wir wollen in Zeiten, wo wir zunehmend mit dem Problem der mangelnden Disziplin an den Schulen zu kämpfen haben."

Auch Kenneth Baker, der Minister für Erziehung, war für eine Beibehaltung der Prügelstrafe an den Schulen. Der Staat solle da nicht eingreifen und die Entscheidung lieber den Lehrern und Eltern überlassen. Aber durchaus nicht alle Konservativen waren für die Beibehaltung der Prügelstrafe, deswegen hatte die Partei ihren Abgeordneten die Entscheidung frei gestellt.

Die Labour Partei dagegen hatte strengsten Fraktionszwang für diese Abstimmung erlassen. Aber ihre 219 Stimmen allein würden nicht ausreichen, das wusste sie. Um eine Mehrheit zu erreichen, musste sie einige der Konservativen überzeugen. Die Gegner der Prügelstrafe argumentierten dabei auf zwei Ebenen: der moralischen und der praktischen.

Die Prügelstrafe sei eine inhumane Strafe, sie erniedrige sowohl den Geprügelten als auch den, der prügle. Zum anderen gebe es aber auch keine Beweise für die These der Konservativen, ohne Prügel sei die Disziplin an den Schulen nicht mehr aufrecht zu erhalten. Keine der Schulen, die von sich aus die Prügelstrafe abgeschafft hätten, sei aus Schwierigkeiten mit der Disziplin wieder zu ihr zurückgekehrt. Diese Mischung von moralischen und praktischen Gründen bei der allmählichen Abwendung von Prügeln als Methode der Erziehung und Diziplinierung hält Katharina Rutschky, Pädagogin und Autorin, für typisch:

Rutschky: "Das ist ein allmählicher Prozess. Die ist nicht abgeschafft worden, weil es einen moralischen Fortschritt der Menschheit gegeben hat, so einfach liegen die Dinge nicht, sondern es sind teils moralische, das ist teils Einsicht, teils haben sich die äußeren Umstände geändert, und die Pädagogen haben einfach entdeckt, dass sozusagen die Liebe und die Freundlichkeit gewissermaßen viel effektiver wirken, also gar nicht jetzt im Sinne von menschlichen Klima und Abbau von Hierarchien, sondern schlichtweg effektiver und auch für den, der sie praktiziert, angenehmere Methoden der Disziplinierung sind als einfache Prügel. Denn die Prügel, die einfache physische Machtausübung oder die Drohung mit der physischen Machtausübung, ist ja doch eine sehr primitive Methode, Menschen zu leiten und zu lenken."

Dass die Prügelstrafe in Europa unmodern wurde, hängt nach Katharina Rutschky auch damit zusammen, dass die Pädagogen ihre Ineffizienz erkannten.

Rutschky: "Es ist ein bestimmter langfristiger Umgang, es sind bestimmte Strukturen, die eigentlich die Hauptlast der Erziehung tragen, von denen wir einfach früher immer gedacht haben, die sozusagen mechanische Beeinflussung sei eigentlich das Entscheidende bei Kindern. Und das hat sich eben jetzt gezeigt, dass dem nicht so ist. Und die Prügelstrafe ist sozusagen ein Relikt, ein pathetisches Relikt dieser Idee, Kinder seinen in gewisser Weise mechanisch zu beeinflussen, und zu dieser Mechanik rechnet nicht nur das einfache Prügeln, das wir natürlich heute furchtbar finden, sondern zu dieser Mechanik gehört eben genauso gut das Predigen von Moral."

Vier Stunden stritten Befürworter und Gegner im britischen Parlament, dann wurde abgestimmt. Mit einer einzigen Stimme Mehrheit, 231 zu 230, siegten die Gegner der Prügelstrafe.

Damit begab sich Großbritannien auf eine Linie mit den restlichen europäischen Ländern, in denen die Prügelstrafe schon seit längerem abgeschafft war. Von nun an konnte auch in Großbritannien jeder Lehrer, der im Unterricht zu Schlägen griff, zivilrechtlich belangt werden. Dies galt allerdings nur für die öffentlichen Schulen. In den privaten Schulen hielt sich das Relikt der Prügelstrafe noch weiter, die Eliteschüler von Eton z.B. waren noch lange Zeit dem Stock ausgesetzt. Für diese Schulen fiel erst im Frühjahr 1998 der Beschluss, die Prügelstrafe abzuschaffen.

Autorin: Rachel Gessat
   
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