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25.7.1909: Blériot überquert den Ärmelkanal
Dieses Ereignis hat die Menschen ebenso bewegt wie 18 Jahre später der erste Nonstopflug des Amerikaners Charles Lindbergh allein von New York über den Nordatlantik nach Paris.

Dabei ist der Franzose Louis Blériot nicht Tausende, sondern nur um die 40 Kilometer weit geflogen, hat nicht einen Ozean, sondern nur den Ärmelkanal zwischen Frankreich und England überquert. Und sein Flug dauerte nicht dreiunddreißig Stunden wie der von Lindbergh, sondern nur zwischen 30 und 40 Minuten.

Blériots Kanalüberflug, ausgeführt in den frühen Morgenstunden des 25. Juli 1909 von Calais nach Dover, wurde von den Zeitgenossen zu Recht als Meilenstein in der Entwicklung der Flugtechnik gefeiert. Er brachte Blériot ein Preisgeld von tausend Pfund Sterling ein, ausgeschrieben von der Londoner Tageszeitung "Daily Mail". Er selbst und sein kleiner Eindecker wurden mit einem Schlage international bekannt.

1000 Pfund waren damals umgerechnet 20.000 Goldmark, sie wurden zum Grundstock für den Aufbau einer Flugzeugfabrik, und Blériot avancierte vom Flieger und Konstrukteur zum erfolgreichen Flugzeugfabrikanten.

Sein Erfolg machte in der ganzen Welt Schlagzeilen, doch in Frankreich löste er einen wahren Begeisterungstaumel aus. Auf dem nachfolgenden Pariser Aero-Salon, der nationalen Luftfahrtausstellung, wurde sein Monoplane wie ein nationales Heiligtum präsentiert. Über Nacht sozusagen hatte ein französischer Pilot den amerikanischen Fliegern Wilbur und Orville Wright Paroli geboten.

Das ließ das Herz eines jeden Franzosen höher schlagen. Die Wrights konnten damals schon zwei Stunden lang und über 100 Kilometer weit fliegen, freilich immer nur über einem Flugfeld. Einen Streckenflug solchen Ausmaßes hatten sie bisher nicht aufzuweisen.

Louis Blériot, geboren 1872, gestorben 1936, war ein erfolgreicher Automobilrennfahrer gewesen, bevor er sich dem neuen Sport des Fliegens zuwandte. Die Erfindung einer Karbidlampe als Automobil-Scheinwerfer brachte ihm die erforderlichen finanziellen Mittel dafür ein, seiner neuer Leidenschaft zu frönen. Es war bereits sein elfter Flugapparat, mit dem er sich im Sommer 19o9 um den Preis der Daily Mail bewarb. Der Apparat trug entsprechend die Bezeichnung "Blériot XI".

Die vorherigen zehn Flugmaschinen waren allesamt erfolglos geblieben und zumeist schon bei den ersten Versuchen zu Bruch gegangen. Er selbst hatte erhebliche Blessuren davongetragen. Als er mit der Blériot XI nahe Dover gelandet war, hinkte er den herbeieilenden Beobachtern entgegen, worauf es in den ersten Meldungen hieß, er hätte sich erneut verletzt. Doch er litt noch unter den Folgen eines vorangegangenen Flugunfalls.

Sein einsitziger Monoplane war mit einem luftgekühlten Dreizylindermotor der Firma Anzani ausgestattet, der 25 PS leistete. Die Spannweite des zierlich wirkenden Apparates betrug kaum 14 Quadratmeter, so viel wie heute allein das Höhenleitwerk eines Airbusses. Der viereckige Gitterrumpf war vorn mit Ballonstoff bespannt, um Motor und Pilotensitz zu verkleiden. Die Luftschraube war direkt auf die Motorwelle aufgesetzt, Höhen- und Seitenruder waren hinten am Rumpfende angebracht.

Blériot war ein dankbares Objekt für Zeichner und Karikaturisten. Er war von kleinem Wuchs, trug einen martialischen Schnauzbart und hatte eine auffallende Hakennase. Aus seinem Flugapparat ragte er mit dem Oberkörper fast ganz heraus, ungeschützt gegen Ölverschmutzung und Propeller-Zugwind.

Um den Preis der Daily Mail für den ersten Kanal-Überflug hatten sich damals auch andere Flugtechniker beworben. Die Zeitungen berichteten schon tagelang vorher über die Vorbereitungen, mutmaßten, wer als erster aufsteigen und schließlich den Preis gewinnen würde. Als Favorit galt nicht Blériot, sondern der in Frankreich lebende Brite Hubert Latham, der in einem Antoinette-Eindecker mit doppelt so starkem Motor antrat. Latham startete auch einen Tag früher als Blériot, musste aber auf halber Strecke wegen Motorschadens aufs Wasser niedergehen.

Blériot erwischte am nächsten Morgen bessere Voraussetzungen in Form guten Wetters. Über seinen geglückten Flug hat er danach der Daily Mail berichtet:

"Blériot erzählt, wie er in aller Frühe, um halb Drei morgens aufstand, um einen Probeflug zu machen. Wider Erwarten war das Wetter günstig. Um Vier Uhr dreißig entschloss er sich, den Überflug zu wagen. Um Vier Uhr fünfunddreißig steigt er mit der Flugmaschine auf, anfangs schnell und hoch, um über die Telegraphendrähte hinwegzukommen. Das bereitliegende Torpedoboot 'Escopette' hat den Flieger gesichtet und fährt mit Volldampf, aber es macht nur zweiundvierzig Stundenkilometer. Blériots Maschine aber saust hundert Meter über dem Wasserspiegel mit einer Geschwindigkeit von achtundsechzig Kilometern die Stunde durch die kühle, klare Morgenluft. Zehn Minuten später hat der Flieger das hurtige Torpedoboot überholt. Einige Minuten drauf wendet Blériot den Kopf, um sich zu orientieren, aber nichts ist mehr zu sehen von der Küste Frankreichs, nichts von dem Torpedoboot, nichts von Englands Küste. Ohne Anhaltspunkte fliegt die Maschine dahin, immer auf Geratewohl. Da kommt endlich das grüne Ufer von Dover in Sicht, über den Kreidefelsen das graue Schloss und westlich davon der vorher vereinbarte Landeplatz."

Acht Wochen später kommt Blériot mit seiner Flugmaschine nach Berlin zu einem Wettfliegen der ersten Aviatiker der Welt auf dem neu angelegten Flugplatz in Johannisthal. Einhundertfünfzigtausend Menschen strömen an diesem Sonntag Ende September zu Fuß, mit der Pferdedroschke und mit der Stadtbahn dort hinaus, hauptsächlich, um ihn zu sehen.

Als er mit der Blériot XI am Start erscheint, brandet tosender Beifall auf. Schon nach 60, 70 Metern hebt der kleine Apparat ab und umfliegt die durch Wendemasten abgesteckte Flugbahn einmal, zweimal ohne die geringsten Schwierigkeiten. Die Flugzeit beträgt fünfeinhalb Minuten, und die Landung erfolgt so elegant wie der Start.

Am dritten Tag dieser internationalen Flugwoche reist Louis Blériot nach Unstimmigkeiten und unerfreulichen Auseinandersetzungen mit den Veranstaltern vorzeitig ab: ein großer Wermutstropfen für die flugbegeisterten Berliner.

Autor: Werner Schwipps
   
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