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6.9.1979: Hamburger Giftskandal
Hamburg, 6. September 1979: Im Stadtteil Lurup ereignet sich im Keller eines Wohnhauses eine Explosion. Der achtjährige Oliver Ludwig wird dabei getötet, zwei Freunde erleiden schwere Verletzungen. Die drei Kinder hatten mit Chemikalien hantiert.

Polizeiliche Ermittlungen ergeben, dass sie vom stillgelegten Betriebsgelände der Firma "Hugo Stoltzenberg" stammen. 1928 war die chemische Fabrik schon einmal Mittelpunkt eines Hamburger Giftskandals. In den 1960er Jahren lieferte das Unternehmen vorwiegend Nebelkerzen für die Bundeswehr. Spezialisten der Baubehörde und der Bundeswehr entdecken, dass auf dem Gelände ungesichert explosive Stoffe gelagert wurden, und das zum Teil unter freiem Himmel.

Bis zum Abschluss der ersten Sanierungsphase im November 1980 findet man rund 100 Tonnen Munitionsreste und hochgiftige Chemikalien. Hamburgs damaliger Bausenator Volker Lange erklärte damals:

"Also wenn man jede einzelne Menge für sich betrachtet, jeden einzelnen Kampfstoff und jedes Gift, dann kann man sagen, es ist eigentlich unvorstellbar, dass es einem Unternehmer in Hamburg gelungen ist, so etwas in diesen Mengen in den Boden einzubringen. Insofern war es eigentlich schlimmer, als wir es uns gedacht haben."

Die Bundeswehr wurde in der Folge damit betraut, fünf Tonnen gefährlicher Gift- und Kampfstoffe zu vernichten, darunter die tödlich wirkenden Nervengase Tabun und Sarin. Die bis dahin größte Umweltaffäre der Nachkriegszeit weitete sich schrittweise aber auch zu einem politischen Skandal aus, weil die schwerwiegenden Gefahren von zuständigen Behörden in ihrem Ausmaß nur mangelhaft erkannt wurden.

Deshalb kündigte Bürgermeister Hans Ulrich Klose notfalls auch politische Konsequenzen an. Allerdings nur für solche Fälle, in denen "ein persönlich zurechenbares Fehlverhalten" vorliegt. Ganz anders der damalige CDU-Oppositionsführer Jürgen Echternach:

"Wenn es zutrifft, was der Bürgermeister vor der Presse gesagt hat, dass es kaum eine Hamburger Behörde gab, die nicht mit der Firma Stoltzenberg zu tun hatte, dass schon vor zwanzig Jahren Giftgas bei der Firma Stoltzenberg gefunden worden ist, und wenn es seither immer wieder Warnungen und Hinweise gegeben hat von behördlichen Stellen genauso wie von Bürgern unserer Stadt, dann geht es nicht mehr um das Versagen von einzelnen, sondern dann geht es um das Vertrauen der Bürger in das Funktionieren unserer staatlichen Institutionen."

Sechs Hamburger Behörden und elf Dienststellen - von der Sprengstoffbeseitigung bis zur Feuerwehr - hatten mit der Firma Stoltzenberg zu tun. Mehr als 600 Beamte waren dort seit 1945 ein- und ausgegangen, ohne anscheinend die hohe Umweltgefährdung zu ermessen. So das Ergebnis, das im Mai 1980 ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss vorlegen konnte.

"Nicht mehr tragbar und vor dem Bürger nicht mehr zu verantworten" seien organisatorische Mängel, lückenhafte Gesetzeskenntnis und fehlendes Verantwortungsbewusstsein in den Behörden, aber auch bei deren politischer Lenkung und Kontrolle.

Bürgermeister Klose geriet damit in eine schwere politische Krise und versprach für die Zukunft eine Verwaltungsreform: "Die Kunst wird darin bestehen, muss darin bestehen, nach erhöhter 'Umweltsensibilität' auch so etwas wie eine größere 'Bürokratiesensibilität' zu produzieren, also sich immer bewusst zu sein, dass Behörden - ich sage jetzt gar nicht vorwerfbar, sondern sozusagen automatisch - in bestimmte schematische Handlungsweisen verfallen. Und dass man immer neu versuchen muss, dies zu ändern."

Disziplinarrechtliche Konsequenzen für die betroffenen Beamten blieben jedoch aus. Man habe die schwerwiegenden Vorwürfe "nicht punktuell lokalisieren" können, begründete der Senat seine umstrittene Entscheidung.

Im März 1983 wurden sogar die strafrechtlichen Verfahren eingestellt. Selbst Martin Leuschner, der letzte Inhaber der Firma, blieb verschont, da man ihn für dauernd vernehmungsunfähig erklärte.

Einzig dem Vater des tödlich verunglückten Kindes drohte ein Strafverfahren - unter anderem wegen Verletzung seiner Aufsichtspflicht und fahrlässiger Tötung. Das Betriebsgelände der Firma Stoltzenberg musste nach zwei vorangegangenen Sanierungsversuchen mit Kosten von rund zehn Millionen Mark im Jahre 1999 nochmals saniert werden. Neuerlich drohten hochgiftige Altlasten, das Grundwasser zu gefährden.

Autor: Matthias Schmitz
   
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