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7.9.1892: Boxhandschuhe werden Pflicht
"Hau mir doch bitte nicht mehr auf die Lippe, hau mir doch bitte nicht mehr auf den Mund, denn das ist ungesund." Ungesund war das Boxen schon in der Antike. Die Faustkämpfer trugen "himantes", Riemen aus Ochsenleder, um die Knöchel zu schonen. Später, als die Boxer Eisenteile einflochten, wurden die Bandagen zu Schlagringen mit oft tödlicher Wirkung.

Die Wiege des modernen Boxsports stand in England. In der 1719 in London eröffneten ersten Boxschule wurde mit bloßen Fäusten gekämpft. Einer der Schüler, Jack Broughton, erfand 1747 die ersten Boxhandschuhe, die sogenannten "Mufflers", die allerdings nur im Training eingesetzt wurden. Gepolstert waren sie mit Bettfedern, Rosshaar oder Seegras.

Der 7. September 1892, Olympic Club in New Orleans, Höhepunkt der dreitägigen Box-Veranstaltung "Karneval der Champions": Schwergewichts-Weltmeister John L. Sullivan steigt gegen seinen Herausforderer Jim Corbett in den Ring. Die Zuschauer in der ersten Reihe haben stolze 100 Dollar für ihren Platz bezahlt. Die Wetten stehen 4:1 für Sullivan. Der Sieger des Kampfes erhält 35.000 Dollar.

John Sullivan, 33 Jahre alt, den alle nur den "Starken Jungen aus Boston" nennen, ist das erste Sportidol der USA. 500 Dollar verspricht er jedem, der gegen ihn länger als vier Runden durchsteht. Seine Einkünfte aus über 20 Jahren Boxen summieren sich auf mehr als eine Million Dollar. Als sich Sullivan 1882 gegen Paddy Ryan - noch mit bloßen Fäusten - den WM-Titel holt, finden sich unter den Zuschauern auch der Schriftsteller Oscar Wilde und der mit Steckbrief gesuchte Verbrecher Jesse James - letzterer natürlich inkognito.

Sullivans Kampf gegen Jim Corbett in New Orleans zehn Jahre später ist der erste Profi-Weltmeisterschaftskampf unter den Regeln des Marquess of Queensberry. Deren Grundzüge, 1867 zu Papier gebracht, gelten noch heute: Eine Runde dauert drei Minuten, Boxhandschuhe sind Pflicht, aus dem Regelwerk: "Es müssen Boxhandschuhe der richtigen Größe und besten Qualität sein, dazu neu. Sollte ein Handschuh aufplatzen oder herunterfallen, muss er zur Zufriedenheit des Ringrichters ersetzt werden."

1889 hat John Sullivan den letzten WM-Kampf ohne Handschuhe bestritten - und dafür eine saftige Geldstrafe zahlen müssen. In den USA, wo das Preisboxen offiziell verboten ist, drückt die Polizei nämlich nur dann ein Auge zu, wenn die Queensberry-Regeln eingehalten werden. - Boxen ohne Handschuhe, für Weltmeister Sven Ottke unvorstellbar: "Also ich würde ohne Handschuhe nicht reingehen, weil mir die Verletzungsgefahr ganz klar zu hoch wäre."

Die Boxhandschuhe, mit denen heutzutage zugeschlagen wird, sind meist mit Schaumstoff gepolstert und dürfen auf der Schlagfläche keine Naht haben. Gewogen werden sie nach Unzen, eine Unze entspricht 28,5 Gramm.

Box-Profi Torsten May: "Zum Beispiel die 16-Unzen -Boxhandschuhe nehmen wir zum Sparring, die sind halt schwerer und dicker gepolstert. Da ist natürlich auch die Verletzungsgefahr geringer. Im Box-Wettkampf haben wir zehn Unzen. Die sind natürlich schmaler, leichter und auch härter. Da kommt schon ganz schön was angeflogen, da muss man schon aufpassen."

Boxen bleibt gefährlich. Auch nach der Einführung der Queensberry-Regeln im vergangenen Jahrhundert sollen weltweit mehr als 500 Boxer im Ring oder an den Folgen eines Kampfes gestorben sein.

7. September 1892, Sullivan gegen Corbett, 21. Runde. Der Weltmeister hat seinen acht Jahre jüngeren Herausforderer offenbar unterschätzt. Nach drei Niederschlägen kommt John L. Sullivan nicht mehr auf die Füße - KO. Der entthronte Champ wird in seine Ecke gezogen, Blut läuft aus Mund und Nase. - Jim "The Gentleman" Corbett hat ihn übel zugerichtet, auch mit Handschuhen.


Autor: Stefan Nestler

   
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