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8.9.1907: Papst-Enzyklika zu Glauben und Wissenschaft
Im 19. Jahrhundert erlebten die Wissenschaften einen gewaltigen Umbruch. Man kennt die Evolutionshypothese. Die Geschichtswissenschaften sind entstanden und machen mit ihrer historisch- kritischen Methode von sich reden.

Die vatikanischen Gelehrten bemühen sich, mit den neuen Wissenschaften nicht zu brechen, doch haben sie es nicht leicht. Denn einige Forscher formulieren ihre Thesen so, dass sie mit der Lehre der Kirche nicht vereinbar sind. Dogmatiker und Bibelwissenschaftler, vorwiegend in Frankreich, England und Amerika, begeistern sich für die Idee, in der Überlieferung des Christentums könne auch die Evolution eine Rolle spielen - und ziehen teils den fatalen Schluss, es gebe keine absoluten, endgültigen Wahrheiten mehr.

Der Modernistenstreit bricht aus. Das Zentrum der Krise liegt in Frankreich. Der Bibelwissenschaftler Alfred Loisy provoziert mit der These, die Dogmen - simpel formuliert - seien nicht vom Himmel gefallen, sondern zeit bedingt.

In England sorgt der Theologe George Tyrell für Aufsehen mit seiner Ansicht, der Mensch brauche keine kirchliche Autorität, um Gott zu erfahren. Für das im Vatikan zu jener Zeit vorherrschende neuscholastische Denken eine Ungeheuerlichkeit. Am 17. Juli 1907 lässt Papst Pius X. zunächst das Dekret "Lamentabili" veröffentlichen, in welchem die wichtigsten, als verwerflich geltenden Sätze des Modernismus zusammengefasst sind.

Am 8. September 1907 ergeht dann die Enzyklika "Pascendi", die den Modernismus beschreibt und laut kirchlichen Lehrbüchern "seine Hauptirrtümer und ihre Widerlegung" knapp zusammenfasst. Der Bonner Kirchengeschichtler Hermann-Josef Scheidgen:

"Da ist es eben die historisch-kritische Methode, die abgelehnt wird. Die zeitgenössische Philologie darf also im Grunde nicht zur Kenntnis genommen werden in der Bibelwissenschaft, dann sind es bestimmte Aspekte der Erkenntnistheorie. Man ist in Rom in der Zeit sehr versteift auf das System der Neuscholastik. Insofern wird einerseits philosophisch ein Subjektivismus verworfen, andererseits wird aber auch ein Immanentismus, also eine philosophische Vorstellung, die Gott in sich selbst sucht oder überhaupt keine Transzendenz mehr anerkennt, im Grunde ein starker Rationalismus auch. Diese Richtungen werden dann ebenso abgelehnt."

Die Enzyklika, so der Münchener Theologe Professor Peter Neuner, sei allgemein mit "Erschütterung" aufgenommen worden. Ihre Verurteilungen hätten einem "schrankenlosen Denunziantentum Tür und Tor geöffnet", ihr Misstrauen gegen alles und jedes, löste, so Neuner, einen Sturm der Entrüstung aus.

Scheidgen: "Das wird ja sogar in der Enzyklika selbst angedeutet, dass gegen die Abweichler vorzugehen sei. Und seit 1909 hat sich im Grunde in Rom so etwas, man könnte überspitzt sagen, wie eine Geheimpolizei herausgebildet. Und es gab so etwas wie eine Verfolgung der Modernisten in einer überzogenen Art."

Denunziert wurden Seminaristen, Priester, Dozenten und auch Bischöfe. Ein Abonnement einer liberalen Zeitung galt schon als Vergehen. Wer in Begleitung eines Menschen gesehen wurde, der als Modernist verdächtigt wurde, konnte mit einer Disziplinarmassnahme rechnen.

Scheidgen: "Man muss Pius X. verstehen, der auf der einen Seite in pastoraler Hinsicht ein Reformer war, andererseits aber ungeheure Berührungsängste hatte mit der zeitgenössischen Wissenschaft, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger Leo XIII. So hat sich eigentlich Pius X. der modernen Welt und der Wissenschaft in der Enzyklika 'Pascendi' im Grunde genommen den zeitgenössischen Wissenschaften versperrt."

Durch Lamentabili, Pascendi und den 1910 eingeführten Antimodernisteneid, den jeder Priester ablegen musste und der übrigens bis 1967 galt, kam es zu einem Bruch mit den modernen Wissenschaften. Ohne die von Pius X. verfügten Maßnahmen, so das Urteil des Theologen Roger Aubert, hätte der Modernismus allerdings die breite Masse des Klerus erfassen und zu einer großen Gefahr für die Kirche werden können.

Autorin: Carola Hoßfeld
   
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