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24.11.1941: Theresienstadt
1000 Jahre saßen Juden in Böhmen und Mähren. Die Hauptstadt Prag war ihr Zentrum. Hier ist die älteste Synagoge Europas, das Grab des berühmten Rabbiners Löb, hier entstand die Legende vom Golem.

Allerdings ändert sich alles, als am 15. März 1939 Hitlers Soldaten Prag besetzen, die Republik geteilt wird und deren westlicher Teil als sogenanntes Protektorat dem deutschen Reich angegliedert wird. Juden werden verfolgt, Synagogen geschändet, Geschäfte enteignet, die Nazis wollen ein "judenfreies Protektorat". Die Deutschen wählen Theresienstadt, tschechisch Terezin, zur Konzentration der Juden im Protektorat, eine im 18. Jahrhundert gebaute Festungsstadt. Vom Standpunkt der Deutschen war die Garnisonsstadt Terezin, 60 Kilometer nördlich von Prag, ideal. Die Stadt ist von hohen Wällen und einen Stadtgraben umgeben.

Im November 1941 werden Juden, Männer, Frauen, Kinder, nach Theresienstadt gebracht. Bald leben 30, 40, 50 tausend Juden im Ghetto unter schrecklichen Bedingungen. Ruth Elias ist 20 Jahre, als sie nach Terezin deportiert wird.

Elias: "Als wir im Lager waren, wir haben gekämpft gegen die bittere Gegenwart. Gegen die schlechte Zeit. Gegen Wanzen, Läuse, Schmutz, Hunger. In dieser Situation musste man arbeiten."

Theresienstadt ist das "Vorzeige-Ghetto" des deutschen Naziregimes. Großbürgerliche und intellektuelle Juden aus ganz Europa werden nach Theresienstadt deportiert. Sie verleihen dem KZ einen Glanz künstlerischen Schaffens.

Elias: "Es war ein kulturelles Schaffen. Unvorstellbar, wie wir die Zeit überbrückt haben. Wir haben heimlich Konzerte gegeben. Hier wurden Musikinstrumente geschmuggelt. Aus dem Kopf ganze Partituren gespielt. Hier waren ja alle versammelt, aus Deutschland, Dänemark, Tschechoslowakei, Frankreich, Österreich. Hier waren Professoren, Philosophen, Künstler, Maler. Es war eine Ausrottung der Kultur - jetzt leben die Leute nicht mehr."

Doch immer mehr Transporte kommen aus ganz Europa. Hunger und Verzweiflung machen sich breit, Seuchen grassieren. Die Todesrate steigt. Bereits 1942 sterben mehr als 2000 Insassen im Monat, erste Krematorien werden eingerichtet. Theresienstadt ist keine Zufluchtsstation für europäische Juden - von hier aus werden die Menschen in den Osten transportiert, nach Auschwitz, Treblinka, Sobibor, in die Massenvernichtungslager.

Während des 3 1/2-jährigen Bestehens des Ghettos werden über 140.000 Menschen ins Lager Theresienstadt gebracht, davon werden mehr als 90.000 in die Vernichtungslager im Osten geschleust. Allein in Theresienstadt sterben 34.000 Juden. Als im Mai 1945 das Ghetto befreit wird, leben noch 16.000 Menschen im Ghetto.

Ruth Elias wohnt heute in Israel, im Kibbutz Givat Chaym Ichud beim Beit Theresienstadt. Hier sind Unterlagen und Dokumente archiviert, die das Leben und Sterben im Ghetto Terezin zeigen, auch mit welcher Gründlichkeit die Deutschen alles registrierten. Die Juden waren zwar wertlos - aber die Zahl musste stimmen:

Elias: "Es war eine Evidenzkartei, ein Kärtchen, mit Name, Vorname, letzte Adresse, Geburtsname bei Frauen, Transportnummer usw. Diese Evidenzkarteien sind heute im Kibbutz in Israel. Da kann ich sehen, wohin meine Familie gekommen ist, Treblinka, Auschwitz, Ostrow. Und es ist nachzulesen, wie jeder zu Tode kam. Erschossen am Graben oder vergast."

Ruth Elias ist die einzige Überlebende ihrer Familie.

Autorin: Doris Bulau
   
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