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20.7.1917: Deklaration von Korfu
Korfu, die nördlichste und größte der Ionischen Inseln, liegt vor der Küste Albaniens und gehört zu Griechenland. Hier leben rund 100.000 Einwohner, deren Haupteinnahmequelle der Tourismus ist.

Korfu spielte jedoch während des Ersten Weltkrieges eine entscheidende Rolle in der südosteuropäischen Geschichte. Hier wurde am 20. Juli 1917 die "Deklaration von Korfu" verabschiedet. In dieser Vereinbarung wurde festgelegt, was aus den Überresten des südlichen Teiles der österreichisch-ungarischen Monarchie werden sollte, nämlich ein jugoslawischer Staat, das "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen".

Als 1914 der österreichische Thronfolger in Sarajevo durch Mitglieder einer serbischen Untergrundeinheit, der so genannten "Schwarzen Hand", ermordet wurde, war dies der Auslöser einer Kettenreaktion, die in den Ersten Weltkrieg führte. In den ersten beiden Kriegsjahren besetzte Österreich Serbien und zwang so die serbische Regierung ins Exil. Diese, unter der Leitung von Ministerpräsident Pasic und dem Prinzregenten Alexander, führte ihre Geschäfte von Saloniki und Korfu aus.

In ihrem Vertretungsanspruch für die Völker Serbiens, Kroatiens und Sloweniens bekam diese Exilregierung allerdings Konkurrenz; zum einen durch eine in der russischen Armee kämpfende Division slowenischer und kroatischer Kämpfer und zu anderen durch eine nach London ausgewichene Gegenregierung, dem sogenannten "Südslawischen Komitee".

In Wien war 1916 der greise Kaiser Franz-Joseph gestorben und sein Nachfolger wurde Karl IV. Dieser sah im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dass die Zeit eines Vielvölkerstaates wie der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn abgelaufen war.

Durch die geänderte Politik Wiens rückte die Einigung Jugoslawiens näher. Der serbische Ministerpräsident Pasic lud nun Vertreter Sloweniens, Kroatiens und des Londoner "Südslawischen Komitees" zu Verhandlungen nach Korfu.

Überraschend schnell einigten sich die Vertreter der drei Völker. Am 20. Juli 1917 beschlossen sie einen Staat zu gründen, ein Königreich, das aus den Teilen Serbien, Kroatien und Slowenien bestehen sollte. Regent sollte der frühere serbische Kronprinz Alexander werden.

In der Deklaration hieß es pathetisch und unklar, diese drei Völker seien "ein dreinamig Volk, dasselbe nach Blut, gesprochener und Schriftsprache, nach dem Gefühl der Einheit, nach Kontinuität und Ganzheit des Territoriums, auf dem es untrennbar lebt".

Die offensichtlichen Gegensätze der drei Ethnien wurden absichtlich ignoriert, und es wurde der halbherzige Versuch unternommen, dem neuen Staat eine föderative Struktur zu geben. So wurden beispielsweise die nationalen Symbole der drei Völker als gleichberechtigt nebeneinander akzeptiert.

Doch von Anfang hatte der junge Staat mit unüberwindlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Es dauerte nicht lang, bis die nationalen Unterschiede wieder deutlich zu Tage traten. Der König war zwar von der Jugoslawischen Idee überzeugt, doch kam Belgrad, die Hauptstadt Serbiens wie auch des neuen Staates, mit den gewachsenen Anforderungen nicht zurecht.

Die Serben hatten im Weltkrieg fast 25 Prozent ihrer Bevölkerung verloren und konnten nicht in ausreichendem Maße jene Verwaltungsbeamten stellen, die nötig gewesen wären, das neue Vielvölkerreich straff zu organisieren. Die Kroaten dagegen strebten von Anfang an nach nationaler Selbstbestimmung und trugen ihr Teil dazu bei, dass es in den ersten zehn Jahren des Staates Jugoslawien 30 verschiedene Regierungen gab.

Als Konsequenz daraus versuchte der König, die nationale Einigung in einem Kraftakt voran zu treiben. Im Januar 1929 änderte er den Namen des Staates, indem er aus dem "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen" das "Königreich Jugoslawien" machte und alle nationalen Symbole der Einzelvölker verbot.

Die administrativen Grenzen, die in diesem Verwaltungsakt gezogen wurden, nahmen keinerlei Rücksicht auf ethnische, nationale und religiöse Gegebenheiten. Dadurch konnte er zwar die permanente Regierungskrise überwinden, doch die drei Völker zu einen, das vermochte er nicht. Nur fünf Jahre später wurde König Alexander von Jugoslawien ermordet.

Die "Deklaration von Korfu" vom 20. Juli 1917 ist so nicht mehr als eine Fußnote der Geschichte Südosteuropas. Ein zwar ehrgeiziger aber dennoch erfolgloser Versuch, die vielen Völker auf dem Balkan in einem Staat zu vereinen.

Autor: Dirk Ulrich Kaufmann
   
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